Ich bin seit über dreißig Jahren mit Fritz Stern befreundet, aber schon bevor ich ihn kennenlernte, habe ich alles, was er über den Verlauf und die politische Ideengeschichte Deutschlands schrieb, verschlungen. Für mich ist er ein so faszinierender Historiker, weil er nicht nur die ökonomischen Zusammenhänge und historischen Gegebenheiten darstellt, sondern stets auch die kulturellen Wurzeln erforscht und Biographien der Persönlichkeiten schildert, die die jeweilige Zeit geprägt haben.

Wir waren im vorigen Jahr beide auf einer deutsch-polnischen Tagung, die dem Thema "Verlorene Heimat" gewidmet war. Am Schluß seines einführenden Vortrags berichtete er von einem Besuch in seiner Heimatstadt Breslau, die er als zwölfjähriger Junge hatte verlassen müssen.

Er erzählte, wie er im Jahr 1979, sicherlich mit schwerem Herzen, die Villa seiner Großmutter betrat und den jetzt dort lebenden polnischen Offizier Czeslaw Ostenkowicz kennenlernte. Im Wohnzimmer, so schilderte er, stand eine Büste von Franziskanerpater Maximilian Kolbe, des guten Geistes von Auschwitz. Es stellte sich nämlich heraus, daß Ostenkowicz fünf Jahre in den Konzentrationslagern Auschwitz, Birkenau und Buchenwald gelitten hatte. Nachdenklich und versonnen, die Zufälle des Lebens überdenkend, schüttelte Fritz Stern zum Abschied dem Polen die Hand, der das Schicksal hatte erleiden müssen, dem seine Familie entkommen war.

Vielleicht hat uns - Fritz und mich - der Verlust der Heimat noch zusätzlich verbunden. Auch ich war, ein paar Jahre später als er, zum erstenmal wieder in der Heimat, im nördlichen Teil Ostpreußens, der heute russisch ist. Groß war meine Erleichterung, daß die alte Lindenallee, die 1740 von einem Vorfahren angelegt worden ist, noch steht, auch der See vor dem Schloß war so schön wie eh und je - aber von dem Schloß selbst ist nichts übriggeblieben, nicht einmal Schutt und Geröll: ein großes Schloß, mit allen Kunstsammlungen, dem Archiv, den Gobelins, Bildern und Silber, einfach verschwunden, erst ausgebrannt und dann gesprengt.

Fritz Stern hat etwas fertiggebracht, das, so scheint mir, ohnegleichen ist. Er, der Verjagte und Enteignete, hat ohne Ressentiments und mit leidenschaftlicher Objektivität dem Wesen der nationalsozialistischen Politik nachgespürt, die, wie er sagt, mit jener unwiderstehlichen Kombination von Erfolg und Terror die Deutschen in Bann geschlagen hatte. In dem grandiosen Buch "Dreams and Delusion" - einer Dialektik von Traum und Täuschung - erklärt er seinen amerikanischen Landsleuten, wie und warum dieses System funktionierte. Auch für uns Deutsche sind seine Ausführungen außerordentlich erhellend. Er sagt, wenn Deutschland den Ersten Weltkrieg gewonnen hätte, wäre Hitler ein obskurer Eigenbrötler geblieben, weil ein siegreiches Deutschland der Illusion einer Rettung nicht bedurft hätte.

Fritz Stern hat als erster auf die pseudoreligiöse Heilsqualität Hitlers hingewiesen. Dieser versprach dem durch Versailles gedemütigten, durch Arbeitslosigkeit und Reparationen gequälten Volk Erlösung. Erlösung von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Er versprach die Wiederherstellung einer nationalen Ehre, die Tilgung der Schmach von Versailles und nicht zuletzt Vollbeschäftigung. Für ratlose, verwirrte Menschen war dies eine Versuchung - vor allem für ein autoritätsgläubiges Volk wie die Deutschen. Konrad Heiden hat die Absurditäten des Nationalsozialismus in die Worte gefaßt: Marsch ohne Ziel, Taumel ohne Rausch, Glauben ohne Gott.