Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, daß die Tür zu ist, damit ja nicht der Hund hereinkomme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker darüber, daß ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen. Albert Schweitzer

Sie wollen nicht mehr. Ob Schnitzel, Eier, Honig oder Molkereiprodukte: Sie ekeln sich davor. Sie tragen keine Lederschuhe und befreien Tiere aus Laboratorien und Tierfarmen. In Fußgängerzonen verteilen sie vegetarische Burger, werben für eine "gewaltfreie Ernährung". Jagdscheinbesitzer fürchten ihren Einsatz. Der Zirkusdirektor kennt sie als Diskussionsgegner in der Talk-Show. Im Zoo schließlich sieht man sie mit roten Transparenten und einem Signum: den Augen einer Katze.

Die Rede ist von Tierrechtlern . Sie propagieren die "Befreiung der Tiere" aus der "Versklavung" durch den Menschen: "Zu Tausenden in kleinen und großen Zirkussen zur Zwangsarbeit gepreßt, zu Hunderttausenden in Zuchthäusern, Zoos genannt, der Freiheit beraubt, um uns zu unterhalten, zu Millionen und Milliarden zu lebenslanger Bewegungslosigkeit in den Mastställen verdammt, Hühner in der Batterie, Kühe in Boxen an Ketten, Schweine mit Gurten festgezurrt. Wir gebrauchen sie zu Millionen als Vorkoster in der gigantischen Giftküche der chemischen Industrie, hexen ihnen alle Krankheiten der Welt an, nageln ihre Skalps an Wände, dulden das schießgeile Gemetzel männerbündlerischer Exekutionskommandos als angeblichen Beitrag zum Naturschutz." Mit solchen Worten streiten Aktivisten der Tierrechtsinitiative Animal Peace an Infoständen, in Veranstaltungen und Vorträgen für eine tiergerechtere Gesellschaft. Die meisten von ihnen leben "vegan" , ein amerikanisches Kunstwort für den völligen Verzicht auf jederart tierische Produkte.

Die 1987 gegründete Initiative Animal Peace, Deutschlands größte Tierrechtsorganisation, zählt 25 000 Mitglieder. Neben Ortsverbänden in mehr als zwanzig deutschen Städten gibt es die Tierrechtler mittlerweile auch in Italien, Österreich, der Schweiz und in Luxemburg. Seit zwei Jahren findet Amerikas größter Tierrechtsverband PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) auch in Deutschland regen Zulauf. Tierrechtsbewegungen gibt es in den meisten westeuropäischen Ländern, besonders zahlreich in den Niederlanden, in Skandinavien und in England.

Der Trend ist fast überall der gleiche: eine zunehmende Radikalisierung von Tierschützern und Tierversuchsgegnern. Innerhalb kurzer Zeit gingen Großbritanniens große Verbände, die BUAV (British Union for the Abolition of Vivisection) und die NAVS (National Anti-Vivisection Society), von der Tierschutz- in die Tierrechtsbewegung über. In Schweden und Norwegen hat die Nordische Gesellschaft gegen schmerzhafte Tierversuche die Rechte der Tiere auf ihre Fahnen geschrieben. Unter dem Druck der Öffentlichkeit änderte Schweden vor zwei Jahren sein Tierschutzgesetz. Statt wie in Deutschland den Handlungsspielraum des Menschen gegenüber dem Tier zu bestimmen, spricht das schwedische Gesetz den Tieren selbst erklärte "Rechte" zu, so sollen sie Anspruch auf einen ausreichend großen Lebensraum und auf Freiluftaufenthalte haben.

Gründe für die Debatte um das "Recht der Tiere" gibt es genug. Aus soziologischer Sicht verwundert es kaum, daß in den immer weniger agrarisch strukturierten Gesellschaften Westeuropas vor allem jüngere Menschen sich von der ökonomischen Verwertung von Tieren distanzieren. Die Selbstverständlichkeit, Tiere zu schlachten, verliert ihre Verständlichkeit. Auch macht es das Ernährungsangebot auf dem heutigen Markt leichter als je zuvor, auf Fleisch zu verzichten . Ebenso schwer wiegt das ökologische Argument. Zeigt nicht die Ausbeutung der Natur und mit ihr die der Tiere die katastrophalen Folgen des kurzsichtigen Kosten-Nutzen-Denkens, die "Naturvergessenheit" (Günter Altner) des modernen Menschen?