Aufbruch zur Farbe" ist für die frühe Moderne ein Stichwort mit leicht inflationärem Charakter. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts und die beiden ersten Jahrzehnte des 20. sind von Aufbrüchen erfüllt, angefangen mit denen der Impressionisten, die zur reinen Farbe und damit zu neuen Bildrealitäten unterwegs waren. Die Postimpressionisten taten es ihnen nach, allerdings mit gesteigertem Bedürfnis nach Emotion und Ausdruck. Die Neoimpressionisten gingen die Sache eher farbtheoretisch-methodisch an, um von einer Generation abgelöst zu werden, die die Farbe wieder als "expressionistische" Kraft feiern wollte.

Ein halbes Jahrhundert Aufbruch, von Frankreich ausgehend, doch letztlich ein europäisches Phänomen mit vielerlei Verknüpfungen und Erscheinungsformen. Eine stammt aus den Niederlanden, ereignete sich um 1908 und kam einer heftigen Explosion gleich, mit unmittelbaren Folgen für die ihrem goldenen 17. Jahrhundert verpflichtete oder in einem dunkeltonigen Impressionismus schwelgende holländische Kunst. Es war der Luminismus. Eine kurz aufstrahlende Idee neuer Malerei mit dem hochgemuten Ziel, die Realität von Natur und Mensch zu überhöhen.

Jede Mondrian-Retrospektive enthält ein (frühes) Luminismus-Kapitel.

Jede Werkübersicht Jan Toorops oder Johann Thorn Prikkers kommt nicht ohne pastellfarben-lichterfüllte Landschaftsbilder oder rhythmisch bewegte Farbstudien nach der Natur aus. Es war eine in vieler Hinsicht illuminierte Phase zwischen schwerblütigeren und radikaleren Stilen, etwa zwischen Symbolismus und Abstraktion, manchmal auf theosophischem Hintergrund. Eine komplexe Zwischenzeit, die Erkenntnisse der frühen Moderne in sich aufnahm. Ein hochartifizielles Aufleuchten im übrigen vor der Kulisse des seeländischen Badeortes Domburg, den auch die Badegäste seines hellen Lichts und seiner glühenden Himmel wegen schätzten.

Was als Kunstrichtung heute außerhalb der Niederlande nahezu unbekannt ist, wirkte zu Beginn des Jahrhunderts durch Ausstellungen und regen Informationsaustausch mit den Zentren der deutschen Moderne wie Berlin, Krefeld und Hagen auf junge Künstler ein. Wobei Thorn Prikker zum Beispiel, der an der Krefelder Kunstgewerbeschule und dann bei Karl Ernst Osthaus in Hagen lehrte, direkten Einfluß nehmen konnte.

Niederländische Luministen vorzustellen und ihre Bedeutung vor allem für rheinische Künstler deutlich zu machen ist das Ziel einer Ausstellung im Clemens-Sels-Museum Neuss, die den "Aufbruch der Farbe" mit rund achtzig Gemälden und Arbeiten auf Papier dokumentiert.

Die Schau, zunächst im Kunst-Museum Ahlen zu sehen, geht weiter ins August Macke-Haus in Bonn; sie gehört zu den Veranstaltungen des von Nordrhein-Westfalen initiierten Programms "NachbarLand - Kunst und Kultur der Niederlande".