Er war der Liebling seiner Mutter. Der wohlerzogene Sproß bürgerlicher Eltern fiel im Städtchen Arendsee in der Altmark nie unangenehm auf. Er war ein guter Schüler, besuchte ordentlich gekämmt die Tanzstunde, begann eine kaufmännische Lehre. Doch dann schockte er plötzlich seine Umwelt. Mit sechzehn Jahren wollte er nicht mehr zu Hause schlafen. Er buddelte sich im Wald ein Loch, in dem er erst einmal seinen Wohnsitz einrichtete. Bald ging er auch nicht mehr zum Friseur - und das schlimmste: Er kleidete sich nur noch in ein knappes Leinenhöschen und trug dazu einen weiten Überwurf.

Gustav Nagel, Jahrgang 1874, war einst einer der berühmtesten Aussteiger Deutschlands - "... natürlicher Naturmensch von Beruf", wie Kurt Tucholsky über ihn spöttelte. Kohlrabiapostel nannte das Volk respektlos die barfüßigen Propheten, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts durch Deutschland zogen und den Menschen in den Industriestädten zuriefen: "Zurück zur Natur!" Ihre Reformen und ihre übersinnlichen Wahrnehmungen wollten ebensowenig in die rationalisierte und säkularisierte Welt passen wie ihr Äußeres.

Brave Bürger von Arendsee, wo Nagel lebte, wenn er nicht unterwegs war, zerstörten seine Erdhöhle und zeigten ihn wegen seiner spärlichen Bekleidung an. Am 13. August 1900 entmündigte ihn das Arendseer Amtsgericht. "... glaubt, mit Gott und den Engeln zu sprechen und sieht Sterne, die ihm den Weg zeigen", hieß es in dem Gutachten.

Mit Hilfe mehrerer ärztlicher Expertisen erwirkte Nagel zwar die Aufhebung seiner Entmündigung, trotzdem hing ihm bis zu seinem Tod der Makel an, nicht ganz richtig im Kopf zu sein.

Die Arendseer Lehrerin Christine Meyer, die seit zwei Jahrzehnten in minutiöser Archivarbeit Nagels Lebensweg nachzeichnet, ist dagegen überzeugt: "Gustav Nagel war unendlich naiv, aber nicht verrückt." Allein seine "Tempelanlage" spreche gegen die Behauptung, er sei debil gewesen. Am Ufer des Arendsees hatte sich Nagel seit 1913 aus Muschelkalk, Felsbrocken und Schlacke nach eigenen Entwürfen ein beeindruckendes Bauensemble errichtet: Schwanen- und Harmoniumhaus, Trinkhalle und der Seetempel mit einer achteckigen Kuppel waren im Lauf von sechzehn Jahren entstanden. Hier hauste er zwischen phallusförmigen Säulen und gemauerten Lotosblüten mit seiner Frau Johanna und den Söhnen Gottfried, Johannes und Adolf.

Heute, 44 Jahre nach dem Tod des Tempelwächters, sind nur noch Überreste seines Paradiesgartens erhalten. Doch Christine Meyer kann mit ihren Erzählungen die traurigen Ruinen am See zum Leben erwecken. Sie führt interessierte Gäste über das ehemalige Nagelsche Anwesen. "Hier war das ,sprudelnde Leben`", sagt sie und weist auf ein Mauerwerk hin, das einst eine Fontäne war. Auch andere symbolträchtige Gebilde wie Herzen und Anker waren über den gesamten Paradiesgarten verstreut. Christine Meyer erzählt, daß wegen der äußerst spartanischen Verhältnisse das Familienleben der Nagels nicht immer paradiesisch war. Den Jungen mag die unkonventionelle Lebensweise Spaß gemacht haben, die sensible erste Gattin trieb sie nach einem Selbstmordversuch in die Nervenheilanstalt.

Die Lokalhistorikerin Meyer sorgt auch dafür, daß die Erinnerung an den skurrilen Sohn der Stadt nicht verlöscht. Im Stadtmuseum im romanischen Kloster aus dem 12. Jahrhundert liegen Photographien und Dokumente aus ihrem Archiv aus. Auf dem Friedhof, wo Nagel unter großer Anteilnahme der Bevölkerung bestattet wurde, hat sie Schautafeln aufgestellt, und im Hotel "Deutsches Haus" klärt ihre umfangreiche Ausstellung über Leben und Werk Gustav Nagels auf: Nagel wanderte zu Beginn des Jahrhunderts barfuß durch ganz Europa. Er stattete dem Maler Carl Dieffenbach auf Capri einen Besuch ab und schaute bei den Bewohnern der Vegetariersiedlung auf dem Monte Verita in Ascona vorbei. Seine Reise führte ihn bis nach Palästina. An den heiligen Stätten von Bethlehem und Jerusalem, so Nagel, hätte Gott sich ihm offenbart. Unter jenem Eindruck will der Wanderprediger gelobt haben, Gott sein Leben lang zu dienen. Nagel sah nicht nur aus wie einer der Propheten in der illustrierten Hausbibel, er hielt sich auch für einen Überbringer höherer Wahrheiten. Wo er auftauchte, um diese dem Volk kundzutun, scharten sich Hunderte von Menschen um ihn. Nachdem er am 1. Februar 1900 barfuß und mit großem Gefolge in Berlin auf der Kaiser-Friedrich-Straße durch den Schnee spaziert war, wurde auch die Presse auf ihn aufmerksam.