Jede Sekte braucht einen Gründer, und auch die Legende dazu ist wichtig. Wie zum Beispiel der Collegelehrer Daniel J. Kelly eines schönen Tages aus Wut über das moderne Amerika so sehr ergrimmte, daß er seinen Fernsehapparat aus dem Fenster warf. Der gewöhnliche Amokläufer wäre anschließend vielleicht über seine Familie hergefallen oder laut schreiend auf die Straße gelaufen, in jeder Hand einen Revolver - Dan Kelly begnügte sich damit, das verrottende Amerika mit Verachtung zu strafen und der destruktiven Welt für immer den Rücken zu kehren.

Die Geschichte unserer kleinen Sekte beginnt irgendwo in den USA an dem Tag, als sich Daniel J. Kelly und Barbara Ann gegen die ganze Welt zusammentun und eine Zugewinngemeinschaft gründen. Fünfzehn Kinder wünscht sich die Ballettänzerin, und der Philosophielehrer ist schon gewonnen, hat er doch Höheres im Sinn. Beide haben sie irische Vorfahren, beide sind sie ein wenig verloren im modernen Amerika, aber ist das nicht der beste Anfang für ein Volk von Auserwählten? Die USA in den sechziger Jahren überfordern nicht nur das Ehepaar Kelly: Kriminalität, Drogen, Vietnamkrieg, die gesammelten Schrecken der Moderne. Sollte doch das ganze böse Land, wo "die Menschen nur dem Geld hinterherjagten", untergehen mit Mann und Maus.

Und so geht unsere Geschichte vom auserwählten Volk, die bei Adam und Eva begann beziehungsweise bei Dan und Barbara Ann, weiter: Das erste Kind kommt mit einem Gehirnschaden zur Welt, doch die Kellys geben nicht auf. Oder wie es später Bild mit kongenialer Unschuld zu formulieren weiß: "Sie beteten zu Gott, und alles wurde gut. Jedes Jahr kam ein Kind." So schenkte Barbara Ann ihrem Mann elf weitere Kinder, und siehe da, sie waren allesamt gesund.

Mit zunächst vier Kindern, Danny, Caroline, Kathy und Paul, zogen sie 1967 aus, um in Europa das gelobte Land zu suchen. In Spanien fanden sie immerhin das einfache Leben. Die Sonne sparte Heizkosten, und fürs täglich Brot hökerte der Vater mit Trödel. Die Kinder durften sich eine eigene Schweineherde halten, sie lernten buttern, und sie lernten käsen. In der einfachen Finca gab es keinen Strom und kein fließend Wasser, Waschen war auch nicht so wichtig. Die Schule war weit, der Vater wußte es ohnehin besser und unterrichtete seine Kinder gleich selber.

Es muß das Paradies auf Erden gewesen sein. Bei aller Bukolik vergaßen die Eltern nicht den biblischen Auftrag "Seid fruchtbar und mehret euch", sie beteten eifrig, und wieder erhörte Gott ihre Gebete: Johnny, Patricia, Jimmy, Joey, Barby.

Das viele Fasten und Beten wurde belohnt und den Kellys eine Erleuchtung zuteil: daß sie nämlich gar keine Amerikaner waren, sondern Iren und also zur Musik begabt. Während das verkommene Amerika nur noch dem Geld hinterherjagte, machte Dan Kelly in Pamplona ein "Irish Pub" auf, denn auch ein Hippie muß leben, und seine Familie musizierte, tanzte und sang dazu. Die Sekte war inzwischen stark genug, die Zeit für die Missionierung war gekommen. Seit Beginn der siebziger Jahre zogen die Zivilisationsflüchter durch die europäischen Metropolen, nach Rom und Wien, nach Amsterdam und Paris. Paarweise, zu dritt auch und zu viert schickte der Vater seine Kinder arbeiten, und die Kinder sangen und tanzten in den Fußgängerzonen.