Wenn Rapid in Wien ein Tor schießt, dann flattern in der Fankurve die grün-weißen Fahnen. Nur zwei sind schwarz-rot-gold. Auf dem einen Tuch steht: "Rapid - Deutscher Meister 1941". Das andere stammt aus der DDR. Für beides hat der Rapid-Fan eine Erklärung. Deutscher Meister, das sei man eben nur ein Mal geworden, durch ein legendäres 4:3 gegen Schalke 04 in Berlin (drei Tore "Bimbo" Binder). Was kann man dafür, wenn's "zeitlich deppert gefallen" ist? Und mit der DDR verbindet Rapid eine lange, wunderbare Freundschaft.

Zum Beispiel Gaby. Die Dresdnerin ist seit Teenagertagen Fußballfan, war dabei, als 1985 ihr Stadtclub Dynamo gegen Rapid Wien im Europacup verlor und die Fanclubs trotzdem Freundschaft schlossen. Sechs Tage nach dem Fall der Mauer 1989 kam sie zum ersten Mal für ein Fußballspiel nach Wien. Auf dem Rückweg tauschte sie Adressen mit einem Rapid-Anhänger, der sich nur mal am Bahnhof umsehen wollte, "wie die Leute, die da kommen, so ausschauen". Zwei Jahre später heirateten die beiden in Wien.

Gaby und ihr Mann leiten den "Fanclub Wiener Sachsen" mit 23 Mitgliedern. Sie haben Rapids schlimmste Jahre durchgemacht. Dann kam Ernst Dokupil, der Trainer, und schließlich auch ein junger Stürmer, Carsten Jancker aus Rostock. Er ist es, der Rapid jetzt ins Europacupfinale der Pokalsieger geschossen hat.

Als Sechzehnjähriger war Jancker zum 1. FC Köln gestoßen - nach fünf Jahren saß er immer noch auf der Ersatzbank. Da entdeckte ihn Rapids Trainer Ernst Dokupil. Ein knappes Jahr später erzielte Jancker für die Wiener drei Tore im Halbfinale gegen Feyenoord Rotterdam. In den Straßen der österreichischen Hauptstadt skandiert man seither: "Finale! Finale! Europacupfinale!"

Es ist noch nicht lange her, da war Rapid Wien reif für den Konkurs. Der Gang an die Börse endete 1994 mit einem Desaster. Der Chef der Rapid AG war in den USA wegen Drogengeldwäscherei verhaftet, die Aktien waren plötzlich wertlos geworden. Die Bank Austria, welche die Rapid AG durch Firmeneinkauf unfreiwillig geerbt hatte, wollte den Verein zunächst sterben lassen oder, was den danubischen Fußballfreund noch schrecklicher anmuten mußte, mit dem Erzrivalen Austria Wien fusionieren. Nur ein Wunder konnte den 1899 aus dem "1. Wiener Arbeiter-Fußballklub" hervorgegangenen SK Rapid retten.

Für das Wunder sorgten die Rapid-Fans selber. Zu Hunderten drohten sie, bei einer Liquidation des Vereins ihre Konten bei der Bank Austria aufzulösen. Das zeigte Wirkung. Statt Konkurs wurde für Rapid ein Vergleich beantragt, Präsidium und Trainerposten umbesetzt. Mit umgerechnet 14 Millionen Mark stürzte sich Österreichs größtes Geldinstitut ins Abenteuerland Vereinsfußball. Und siehe, 1996 wird Rapid Wien Gewinne schreiben - dank eines Zuschauerbooms, dank eines möglichen Meistertitels und nicht zuletzt dank der Tore von Carsten Jancker.