Auf den ersten Blick wirkt Jan Philipp Reemtsma schüchtern, fast ein wenig gehemmt. Und da Journalisten gern nach dem ersten Blick urteilen, hat das Bild eines menschen- und öffentlichkeitsscheuen Millionärssohns entstehen können, der schwer an der Bürde seines Namens und Geldes trägt. So ganz falsch ist dieses Bild nicht, aber auch nicht richtig, ein Klischee eben. Die ihn näher kennen, erleben ihn anders - als einen überaus liebenswürdigen, geistreichen, vielseitig aufgeschlossenen Gesprächspartner. Doch sie spüren auch den inneren Druck, unter dem er ständig zu stehen scheint. Selten hat man ihn ganz entspannt gesehen.

Öffentliche Auftritte hat er lange nicht gemocht, sie aber auch nicht gemieden. Die Öffentlichkeit, der er sich aussetzt, ist freilich von anderer Art als die von Geldadel und Medienschickeria bevorzugte. Immer wieder hat Reemtsma im Hamburger Literaturhaus oder in der Buchhandlung Felix Jud aus dem Werk seiner Lieblingsautoren, Arno Schmidt und Christoph Martin Wieland, vorgelesen. In Seminaren und auf Tagungen glänzt er durch geschliffene Beiträge. Unvergessen ist die große Rede, die er im Februar 1995 im Hamburger Schauspielhaus hielt - als Auftakt einer Veranstaltungsreihe "Angesichts unseres Jahrhunderts", mit der sich sein Hamburger Institut für Sozialforschung am Gedenkjahr des Kriegsendes beteiligte.

Überhaupt schien es in den letzten Jahren, als habe Reemtsma seine Publikumsscheu zunehmend abgelegt. Dem Spiegel gestattete er gar, ihn während eines Gesprächs Anfang Mai 1995 abzulichten, was er bislang stets untersagt hatte. Es sollte keine Photos von ihm geben, weil er nicht überall erkannt werden wollte. Reemtsma wußte um die Gefährdung, die Reichtum mit sich bringt. Nun hat seine Entführung bewirkt, was er immer hatte verhindern wollen: daß sein Bild in allen Zeitungen und auf allen Fernsehkanälen zu sehen war. Er ist so, wider Willen, doch zu einer weithin bekannten öffentlichen Figur geworden.

Reemtsma lebt in dem Widerspruch, daß er eigentlich eine ganz normale Existenz führen möchte, dies aber nicht tun kann. Äußerlich von eher unauffälliger Gestalt, pflegt der stets dezent gekleidete Mann sich mit einer gewissen Aura der Unnahbarkeit zu umgeben. Jede Vertraulichkeit ist ihm zuwider. Sein Privatleben hat er sorgfältig vor neugierigen Blicken abgeschirmt; so wußten auch nur wenige um seine langjährige Lebensgemeinschaft mit der Sinologin Ann Kathrin Scheerer, mit der zusammen er einen dreizehnjährigen Sohn hat.

Jemand, der so reich ist wie er, muß auf Distanz bedacht sein. Denn nicht alle, die seine Nähe suchen, tun dies aus edlen Motiven. Reemtsma hat manche bitteren Erfahrungen machen müssen mit Leuten, die es nur auf sein Geld abgesehen hatten. Die ihn, der seit seinem Engagement für die Hafenstraßenbewohner 1987 im Rufe steht, ein Philanthrop mit linken Neigungen zu sein, nur als bequemen Goldesel benutzen wollten. Zum Menschenverächter ist er darüber nicht geworden, aber vorsichtig und ein wenig mißtrauisch schon. Nicht nach dem, was er besitzt, sondern nach dem, was er tut, möchte Jan Philipp Reemtsma beurteilt werden, und das Geld ist ihm hierbei nur nützliches Mittel zum Zweck. Er hat davon auf eine Weise Gebrauch gemacht, die ihn unter allen Mäzenen in der Bundesrepublik deutlich heraushebt, ja, die nur als Akt der Rebellion gegen Herkunft und Familientradition verstanden werden kann.

Schon früh hat der einzige Erbe des Zigarettenkonzerns begonnen, sich der ihm zugedachten Rolle als künftiger Firmenchef zu entziehen. Als der Vater Philipp Fürchtegott Reemtsma 1959 stirbt, ist sein spätgeborener Sohn aus zweiter Ehe gerade sieben Jahre alt. Die Mutter wird als hart und schwierig geschildert. Der Junge vergräbt sich in Büchern. Durch die Wellen der 68er-Bewegung, deren Ausläufer auch das von ihm besuchte humanistische Gymnasium Christianeum in Othmarschen erreichen, wird er in seinem Aufbegehren gegen die ihm vorgezeichnete Bahn bestärkt. Statt Jura oder Volkswirtschaft studiert er Literaturwissenschaft und Philosophie.

In das Jahr 1977 fällt die inzwischen legendäre Begegnung des 24jährigen Germanistikstudenten mit Arno Schmidt, der zurückgezogen im Heidedorf Bargfeld bei Celle lebt. Reemtsma bietet dem von ihm bewunderten Schriftsteller 350 000 Mark - eine Summe, die der Dotation des Literatur-Nobelpreises entspricht und den herzkranken Dichter von allen materiellen Sorgen freistellt. Das war der Beginn einer Freundschaft, die allerdings nur noch zwei Jahre währt. Am Pfingstsonntag 1979 stirbt Arno Schmidt; Reemtsma vergräbt die Urne mit der Asche des Dichters im Garten des kleinen Bargfelder Anwesens.

1980, als er sein 26. Lebensjahr vollendet hat, darf Reemtsma laut Testament des Vaters frei über das Erbe verfügen. Gemeinsam mit seiner Mutter verkauft er seinen Mehrheitsanteil an die Tchibo-Familie Herz. Der Handel bringt 300 Millionen Mark netto ein; inzwischen soll sich das Vermögen, dank des Geschicks des Reemtsma-Vermögensverwalters Diethelm Höner, noch beträchtlich vermehrt haben. Reemtsma läßt das Geld nicht nur arbeiten; er arbeitet mit dem Geld, um längst gehegte Pläne zur Reife zu bringen. 1981 gründet er die Arno-Schmidt-Stiftung, die sich nicht nur um die Herausgabe der Werke kümmert, sondern jährlich einen mit 50 000 Mark dotierten Arno-Schmidt-Preis vergibt.

Im Haus in Bargfeld entsteht eine Stätte des Forschens und der Nachlaßpflege für die wachsende Schmidt-Gemeinde. Ein zäher Rechtsstreit mit dem S. Fischer Verlag über die Rechte am Werk Arno Schmidts wird erst 1989 beigelegt. Über Arno Schmidt findet Reemtsma auch Zugang zum Werk eines anderen vernachlässigten Autors: Christoph Martin Wieland. Er ermöglicht den Reprint der "Sämtlichen Werke" Wielands, gibt Wielands "Schriften zur Politik" mit heraus, und Wielands großem Altersroman "Aristipp" hat er schließlich auch seine Doktorarbeit gewidmet.

1984 erfüllt sich Reemtsma einen Herzenswunsch, den die Welt sogleich als "eine richtige Schnapsidee" verdammt: Er gründet das Hamburger Institut für Sozialforschung. Es sollte keine Kopie des gleichnamigen Frankfurter Instituts um Horkheimer und Adorno sein - auch dies die Gründung eines reichen Unternehmersohnes, Felix Weil -, wohl aber in der Grundintention an den berühmten Vorläufer der zwanziger Jahre anschließen: nämlich als Stätte einer unabhängigen, kritischen, interdisziplinären Sozialforschung zu dienen. Den Mitarbeitern bieten sich in den großzügig ausgestatteten Räumen des Instituts am Mittelweg im Hamburger Villenviertel Harvestehude optimale Arbeitsbedingungen. Im Zentrum der Institutsarbeit steht die Frage nach der Rolle der Gewalt im Zivilisationsprozeß, insbesondere nach den Ursachen der ungeheuren Destruktivität, die gerade das 20. Jahrhundert freigesetzt hat. Man hat aus dem Nachdruck, mit dem hier die Zeit des Nationalsozialismus erforscht wird, geschlossen, daß Reemtsma so auch eine Art Wiedergutmachung betreiben wolle für die Unterstützung, die sein Vater den Nazis hatte zuteil werden lassen. Der Erbe hat, vielleicht ein wenig zu entschieden, immer dementiert, daß dies ein wichtiges Motiv für ihn gewesen sei.

Dem Institut, das Reemtsma nicht nur finanziert, sondern dem er als geschäftsführender Vorstand auch das intellektuelle Profil gibt, ist früher vorgeworfen worden, daß es zu elitär-theorielastig sei und zuwenig in die Öffentlichkeit hineinwirke. Durch eine Institutszeitschrift Mittelweg 36 und neuerdings durch einen hauseigenen Verlag, die Hamburger Edition, sollte dieser Mangel behoben werden. Endgültig den Sprung in eine breite Öffentlichkeit wagte das Reemtsma-Institut im vergangenen Gedenkjahr, als es mit zwei großen Ausstellungen - "200 Jahre und ein Jahrhundert" und "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" - für Aufsehen sorgte. Besonders die zweite Ausstellung, die das ganze Ausmaß der Beteiligung von Wehrmachtseinheiten an den Naziverbrechen dokumentierte, hat heftige Diskussionen ausgelöst. Reemtsma und seine Mitarbeiter stehen seitdem im Zentrum einer Kampagne, die von rechten Traditionsverbänden und ihnen nahestehenden Presseorganen lanciert wird.

Interdisziplinäre Forschung, die Grundidee des Instituts am Mittelweg - keiner vertritt sie in seinen wissenschaftlichen Arbeiten so überzeugend wie Reemtsma selbst. Er kann mit Fug und Recht einer der letzten Generalisten der Sozial- und Kulturwissenschaften genannt werden, der dem Typus des aufgeklärten bürgerlichen Privatgelehrten viel nähersteht als dem eines linken Theorieproduzenten in der Nachfolge der 68er-Bewegung. Enorme Belesenheit paart sich bei ihm mit profunder Gelehrsamkeit. Souverän, fast spielerisch kann Reemtsma mit den verschiedensten Ansätzen der Literaturwissenschaft, der Soziologie, der Psychoanalyse, der Anthropologie, der Geschichtsschreibung umgehen, sie je nach Bedarf kombinieren und zu überraschenden Partituren fügen. Das schönste Beispiel bietet sein letztes Buch: "Mehr als ein Champion. Über den Stil des Boxers Muhammad Ali". Reemtsma teilt nicht das Vergafftsein von Intellektuellen in eine archaische Sportart, wohl aber die Begeisterung für den besten Boxer aller Zeiten, Muhammad Ali, der aus einer Prügelei ein Kunstwerk machte. Dieses Kunstwerk wird nun akribisch wie ein philologischer Text analysiert und daran eine "anthropologische Spekulation" angeschlossen: Muhammad Ali erscheint als Typus eines postmodernen Verwandlungskünstlers, eines "dissoziierten Individuums", das über ein variables Rollenrepertoire verfügt und in wechselnde Identitäten schlüpfen kann.

"Intellektuelle haben berufsbedingte Probleme mit dem Ausdruck von Aggressionen", heißt es im Muhammad-Ali-Buch. Nun ist Reemtsma selbst das Opfer einer Aggression geworden. Wie dieser sensible Mensch, der so viel über Gewalt und Folter nachgedacht hat, die schreckliche Erfahrung seiner 33tägigen Entführung und Zwangshaft erlebt hat, wie er sie verkraftet - darüber läßt sich nur spekulieren. Vielleicht wird er es uns einmal selbst sagen.