Für Helmut Plüschau sind 250 Mark "eine Menge Geld". Anfang 1995 flatterte ihm ein Beitragsbescheid der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Kiel ins Haus. Statt - wie seit Jahren - hundert Mark forderte die IHK plötzlich 350 Mark Jahresbeitrag von dem schleswig-holsteinischen Unternehmer. Plüschau: "Ich hab' mich so geärgert, daß ich die Rechnung einfach beiseite gelegt habe."

Doch dann kam der Mahnbescheid. Wenn er nicht zahle, belehrte ihn die IHK, werde das Geld zwangsweise eingetrieben. "Und das hat mich dann richtig in Rage gebracht", sagt Plüschau. "Ich habe von denen noch nie eine Leistung in Anspruch genommen, und trotzdem soll ich zahlen." Der Unternehmer, der seit März für die SPD im Landtag sitzt, schrieb in diesem Sinn "einen Brandbrief" nach Kiel. Das Schreiben reichte er auch gleich weiter an die örtliche Presse und eine Klage gegen die Beitragspflicht beim Verwaltungsgericht Schleswig ein. Doch zahlen muß er dennoch. Ende vergangener Woche unterschrieb er "zähneknirschend" eine Überweisung - sonst hätte ihm eine Kontosperrung gedroht.

Mit seinem medienwirksamen Widerstand aber hat er - zur eigenen Überraschung - eine Protestwelle losgetreten, die inzwischen quer durch die Republik schwappt: Mittlerweile gibt es schon in dreizehn der insgesamt 83 IHK-Bezirke "Interessengemeinschaften der IHK-Verweigerer", weitere Neugründungen sind geplant. Ihr politisches Ziel ist klar definiert: Der Gesetzgeber soll die bisher für jeden Gewerbetreibenden geltende IHK-Pflichtmitgliedschaft aufheben und es zukünftig jedem Unternehmen selbst überlassen, ob er beitreten will oder nicht.

"Ich darf mich scheiden lassen, aus der Kirche austreten oder Deutschland verlassen, wenn mir was nicht paßt - nur aus der IHK komm' ich nicht raus. Wir sind doch nicht in der DDR", kritisiert Werner Hufnagel, Initiator und Sprecher der IHK-Verweigerer in Nürnberg, das geltende Recht.

Als Treibsatz für die Protestbewegung gegen die verordnete Mitgliedschaft wirkt dabei eine Beitragsänderung, welche die Kammern Ende 1992 beschlossen haben und die derzeit wirksam wird.

Schon immer war zwar jeder Inhaber eines Gewerbescheins IHK-Pflichtmitglied - egal, ob Weihnachtsbaumverkäufer oder Automobilkonzern. Doch ein Großteil der 1,5 Millionen Kleingewerbetreibenden, das heißt der Unternehmen, die nicht im Handelsregister eingetragen sind, war von der Beitragszahlung befreit. Lediglich 400 000 Kleingewerbler zahlten einen ermäßigten Grundbeitrag von durchschnittlich 100 Mark - egal, wie hoch ihr Gewinn war. Den Löwenanteil zu den Kammerfinanzen steuerten die Großunternehmen bei. Deren Kritik und ein entsprechendes Verwaltungsgerichtsurteil waren denn auch der Anlaß für die Beitragsneuordnung.

Danach müssen nun alle Mitglieder einen Grundbeitrag und - nach Abzug gewisser Freibeträge - eine gewinnabhängige Umlage abführen.

Schummeln ist dabei nicht möglich - die IHK hat direkten Zugriff auf die Daten beim Finanzamt. Das führte vor allem bei Versicherungsvertretern, Handelsvertretern und Maklern zu einem bösen Erwachen: Statt hundert Mark müssen viele von ihnen nun plötzlich vierstellige Beiträge zahlen.

Eine Erhöhung um tausend Prozent hat bei Arnold Vogt das "Faß zum Überlaufen gebracht". Die von dem Versicherungskaufmann gegründete Dortmunder Initiative hat bereits über 450 Mitglieder und "wächst enorm", freut sich Vogt, der auch Pressesprecher des Bundesverbandes deutscher Versicherungskaufleute ist.

Der Zulauf ist keineswegs mehr auf verärgerte Kleingewerbler und Freiberufler beschränkt. Auch die Textilhandelsfirma Ulla Popken aus Rastede, die bundesweit 113 Filialen betreibt und 1300 Mitarbeiter beschäftigt, ist inzwischen Mitglied. Für deren Geschäftsführer Manfred Kumpfer ist nicht mehr einsehbar, warum er für jede einzelne Betriebsstätte Beiträge an die jeweilig zuständige IHK zahlen muß. Insgesamt summieren die sich nach seinen Angaben auf "einen hohen fünfstelligen Betrag". "Das sind", so Kumpfer, "keine Peanuts."

Wie die anderen Mitstreiter vermißt auch er vor allem eine entsprechende Gegenleistung für das viele Geld. "Für jede Dienstleistung zahlt man extra", moniert der Niedersachse.

Tatsächlich müssen beispielsweise Ausbildungsbetriebe nicht nur beim Abschluß eines Lehrvertrages Gebühren an die IHK entrichten, sondern auch noch einmal für Zwischen- und Abschlußprüfungen ihrer Auszubildenden. Die Höhe variiert je nach Kammer. In Nürnberg kostet das 350 Mark plus 150 Mark für die Prüfung, die IHK Kiel nimmt 210 Mark "Verwaltungsgebühr für die Betreuung von Berufsausbildungsverhältnissen ohne Fertigkeitsprüfung", mit "Fertigkeitsprüfung" ist es vierzig Mark teurer. Und auch sonst, poltert der Wedeler Unternehmer Plüschau, "lassen sich die Kammern doch jeden Stempel extra bezahlen". Wer bei der Kieler Kammer Ehrenurkunden für seine Arbeitnehmer ausstellen läßt, muß 30 Mark zahlen, die Beglaubigung von Abschriften kostet 20 Mark - je Seite. Auch bei Mahnungen sind die Norddeutschen nicht pingelig: Dafür fordern sie laut Tabelle immerhin ebenfalls 20 Mark.

Unmut über die "Rathäuser der Wirtschaft", wie sich die Kammern gerne selbst nennen, gab es im Unternehmerlager zwar immer wieder.

So fand die Zeitschrift Impulse schon 1985 in einer repräsentativen Umfrage heraus, daß über vierzig Prozent der befragten Unternehmer eine bürokratische Arbeitsweise der Kammern bemängelten. Daran hat sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre offenbar auch wenig geändert. Auch nach einer in der vergangenen Woche von Infas veröffentlichten Umfrage sind 48 Prozent der befragten Unternehmen "weniger" beziehungsweise "gar nicht zufrieden" mit den Kammern. "Sehr zufrieden" sind dagegen nur neun Prozent. Ihren Beitrag finden sogar 71 Prozent zu hoch.

Bisher allerdings ließ das Murren der Basis die Verantwortlichen eher kalt. Doch angesichts der sich jetzt erstmals bundesweit und über alle Parteigrenzen hinweg formierenden Widerstandsbewegung sehen sich die Kammern und ihr Dachverband, der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT), zunehmend unter Druck gesetzt. "Das kriegt jetzt einen viel stärkeren Drive", räumt DIHT-Hauptgeschäftsführer Franz Schoser ein.

Mit den alten Methoden, nämlich die Selbstverwaltungskörperschaft für sakrosankt zu erklären und Kritiker einfach als Ignoranten abzustempeln, läßt sich, das ist Schoser offenbar klar, die Bewegung diesmal nicht stoppen. Die Hauptkritik der Protestler, den Beiträgen stünden keine zurechenbaren Leistungen gegenüber, kontern die Kammern zwar immer noch in gewohnter Manier - und, wie Plüschau findet, "höchst arrogant". Sie seien eben nicht in erster Linie Dienstleistungsunternehmen, sondern Wirtschaftsförderer.

Jedes Mitglied profitiere schließlich von den Leistungen, "welche die Kammer bei der Vertretung gesamtwirtschaftlicher Interessen (z.B. Steuerpolitik, Verkehrspolitik) oder im Rahmen der Wirtschaftsförderung (z.B. Berufsbildung, Regionalpolitik) für die Bezirkswirtschaft erbracht hat", verteidigt sich der DIHT gegen die Kritik in einer Stellungnahme zu einem Gesetzentwurf der SPD im Bundestag. Die will nämlich die Beitragsänderung nicht nur rückgängig machen, sondern längerfristig die Finanzierung der Kammern stärker auf Gebühren umstellen. Die Chancen, daß dieser Vorstoß die parlamentarischen Hürden nehmen kann - das machte ein Hearing deutlich - tendieren derzeit noch gegen null. Nach wie vor wollen die Regierungsparteien weder an der Pflichtmitgliedschaft noch an dem neuen Beitragsrecht etwas ändern.

Doch die festgefügte parteipolitische Verteidigungsfront könnte ein weiter anhaltender massiver Zustrom zu den Widerstandszirkeln durchaus ins Wanken bringen. Die Anhörung hat den IHK-Vertretern immerhin schon eines deutlich gemacht: "Die Industrie- und Handelskammern stehen auf dem Prüfstand von Politik und Verbänden", zog DIHT-Chef Schoser in einem Rundschreiben an seine Kollegen Bilanz.

Tatsächlich teilen auch viele Fachverbände die Kritik der IHK-Verweigerer am Anspruch der Kammern, das Gesamtinteresse aller Mitglieder nach außen zu vertreten. "Viele Stellungnahmen der Kammern richten sich gegen die Interessen kleinerer Unternehmen. Tante Emma kommt bei denen doch nicht vor", bemängelt beispielsweise Rolf Kurz, Präsident des Bundes der Selbständigen (BDS), dessen insgesamt 86 000 Mitglieder sich aus kleinen und mittleren Unternehmen rekrutieren.

Bereits 1994 verabschiedete die Generalversammlung des BDS einstimmig einen Antrag, der unter anderem fordert, "das Obrigkeitsstaatliche Prinzip der Zwangsmitgliedschaft in Kammern mittelfristig ...

in eine freiwillige Mitgliedschaft mit verursacherbezogenen Leistungsentgelten umzustellen".

Der Bundesgeschäftsführung war das aber doch zu radikal. Die hatte den Landesverband Thüringen, der einen entsprechenden Antrag schon 1993 gestellt hatte, noch lapidar beschieden, "eine freiwillige Mitgliedschaft sei zur Zeit politisch nicht durchsetzbar", und das Thema sei im übrigen in den vergangenen Jahren verbandsintern "erschöpfend behandelt worden". Und statt im Sinne der Generalversammlung in Bonn vorstellig zu werden, gab der BDS lieber erst einmal ein Rechtsgutachten in Auftrag - ein beliebter Trick, um heiße Eisen nicht anpacken zu müssen.

So wie der BDS scheuen viele andere Verbände die direkte Konfrontation mit den Kammern und dem DIHT. Kein Wunder: Vielfach sind Verbandsfunktionäre gleichzeitig auch bei ihren regionalen Kammern in Amt und Würden.

Ähnlich wie beim BDS gab es beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels auf der Delegiertenversammlung 1994 Kritik an der Kammer-Pflichtmitgliedschaft.

Zu einer förmlichen Abstimmung aber kam es gar nicht erst. Zufall?

Verbandschef Hermann Franzen ist ständiger Vertreter des Präsidenten der IHK Düsseldorf.