OCHTENDUNG. - Es war ein schwarzer Tag für die Kleinstadt bei Neapel: Am 13. Oktober 1943 metzelten deutsche Wehrmachtsoldaten in Caiazzo zweiundzwanzig Zivilisten nieder, darunter fünfzehn Frauen und Kinder. Verantwortlich für die Bluttat war ein damals zwanzigjähriger Leutnant. Wolfgang Lehnigk-Emden war sein Name, und weil man diesen in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft einmal falsch geschrieben hatte, gelang es selbst Nazi-Jäger Simon Wiesenthal nicht, ihn im Nachkriegsdeutschland ausfindig zu machen.

Fünfzig Jahre nach der Tat stand Lehnigk-Emden dann doch noch vor Gericht, ein amerikanischer Hobbyhistoriker hatte ihn aufgespürt.

Die Anklage lautete auf Mord in fünfzehn Fällen und Totschlag in sieben. "Eine Kriegshandlung", verteidigte Lehnigk-Emden sich und berief sich auf Befehlsnotstand. Der Prozeß ging bis zum Bundesgerichtshof, der im vergangenen Jahr die Schuld des Angeklagten für das Massaker feststellte, ihn gleichwohl als freien Mann ziehen ließ. "Verjährt", so lautete das Urteil der Richter. Die Tat sei derart schrecklich gewesen, daß sie auch von der NS-Justiz geahndet worden wäre, so unterstellten sie, wenn diese nur von ihr gewußt hätte. Folglich habe die Verjährung in den Kriegsjahren nicht geruht - eine auch unter Juristen höchst umstrittene Entscheidung. Sie schlug insbesondere in Italien hohe Wogen. Denn dort war Lehnigk-Emden, mittlerweile 72 Jahre alt, in Abwesenheit bereits zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Mehr als fünfzig Jahre und eintausend Kilometer trennen die beschauliche Eifelgemeinde Ochtendung und ihre rund 4000 Einwohner vom Ort des Schreckens in Caiazzo. Doch nach dem umstrittenen Urteil war sie von jetzt auf gleich ganz nahe dran, lebte der als Mörder entlarvte Wehrmachtsoldat Lehnigk-Emden doch seit über vier Jahrzehnten als hoch angesehener Bürger mitten unter ihnen: Architekt, sozialdemokratischer Ratsherr, Präsident vom Karnevalsverein - Wolfgang Lehnigk-Emden war wer in Ochtendung. Während die Ochtendunger noch Zeit brauchten, diese Überraschung zu verarbeiten, wurden sie in der Presse schon als das "Nazi-Dorf" gehandelt. Demonstranten von außerhalb erschienen, deutsche und italienische, und Bürgermeister Franz Schmitz sah sich mit der ungewohnten Aufgabe konfrontiert, Interviews vor laufenden Fernsehkameras zu geben. Die Ochtendunger fühlten sich mißverstanden, diffamiert, überfordert.

Als in dieser Situation aus dem Spiegel zu erfahren war, daß der Bürgermeister von Caiazzo, Niccola Sorbo, nun eine Gemeindepartnerschaft vorschlagen wolle, reagierten die Ochtendunger ungläubig. Im Mai 1995 faxte Caiazzo das Angebot direkt an die Eifelgemeinde. Nach langer und reiflicher Überlegung beschloß der Gemeinderat schließlich, die Italiener einzuladen. "Um festzustellen, ob es denn auch genügend Gemeinsamkeiten gibt", so erinnert sich Bürgermeister Schmitz.

Es gab sie, wie sich herausstellte. Daraufhin reiste eine Gesandtschaft aus Ochtendung nach Caiazzo, und am vergangenen Samstag abend war es dann soweit: In der freigeräumten Turnhalle der Ochtendunger Schule, gleich neben dem Feuerwehrhaus (beide Gebäude übrigens entworfen von Architekt Lehnigk-Emden), besiegelten die beiden kleinen Gemeinden bei einem Fest- und Gedenkakt ihre Partnerschaft.

Aus Caiazzo waren dazu eine vierköpfige Delegation sowie zwanzig Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrern angereist. Während die Würdenträger nach dem Festakt im Gemeindehaus tafelten, feierte die Jugend im Feuerwehrhaus mit Diskomusik die neue, so tragischer Wurzel entspringende Partnerschaft. Von der Presse wollen indes nicht mehr alle kommen: Friedrich Karl Fromme von der FAZ beschied die Einladung mit einem lakonischen Vergleich zu ebensowenig gesühnten Unrechtstaten des SED-Regimes, und eine rheinische Boulevardzeitung zog es vor, ein weiteres Mal detailliert die Bluttat vom Oktober 1943 abzuhandeln.