Was haben Sie im Westen gemacht?" fragte ein Fernsehreporter einen jungen DDR-Bürger, der in der Nacht zum 10. November 1989 in den Ostteil der Stadt zurückkehrte. "Kebab gegessen", lautete die begeisterte Antwort.

Dönerkebab und DDR-Bürger, das war Liebe auf den ersten Blick.

Heute, sechs Jahre später, verschlingen die Ostdeutschen nicht weniger als 450 000 Dönersandwiches täglich.

Fünfundzwanzig Jahre nachdem türkische Einwanderer in Berlin auf den Dreh mit dem Dönerkebab (deutsch Drehbraten) kamen und die ersten Grillstuben eröffneten, sind die Deutschen hoffnungslos der Fleischtasche verfallen. In Berlin hat der Döner das Leibgericht schlechthin, die Currywurst, auf Platz zwei der Fast-food-Hitparade verdrängt.

In Deutschland werden an den 10 000 Imbißbuden täglich rund 200 Tonnen Dönerkebab verzehrt: 25 Tonnen in Berlin, 35 Tonnen in den fünf neuen Ländern, 140 Tonnen im Westen der Republik. 200 Tonnen am Tag, das ergibt im Jahr 72 000 Tonnen oder 72 Millionen Kilogramm. 720 Millionen Dönerkebab-Sandwiches gehen jährlich über die Ladentheke. Bei einem Verkaufspreis von durchschnittlich 5 Mark werden von der Döner-Industrie jährlich etwa 3,6 Milliarden Mark umgesetzt. Das ist mehr, als McDonald's, Burger King und die Wienerwaldkette gemeinsam in Deutschland umsetzen.

Dönerphobe Zeitgenossen jubeln, wenn sie irgendwo in Deutschland noch eine dönerfreie Zone entdecken. "Hier im südlichsten Deutschland, in Obersdorf im Allgäu, ist die Welt für einen Republikaner noch halbwegs in Ordnung, weil man in Bayerns Urlaubsorten noch Deutscher unter Deutschen sein darf. Keine Kebab-Stube, keine Kopftücher, die multikulturelle Gesellschaft ist noch nicht bis in die Alptäler vorgedrungen", schrieb der rechte Aktivist Uwe Gollner in einem Urlaubsgruß an seine Geschmackskameraden in Nordrhein-Westfalen.

Aber auch bei vielen türkischstämmigen Bildungsbürgern ist der Döner unbeliebt. "Du wirst dir mit einer Reportage über den Döner schnell die Kritik der türkischen Intellektuellen einhandeln", warnte mich eine Gesprächspartnerin. Was wäre schlimmer, als von einem Deutschen in das glitschig-fette Döner- oder exotische Bauchtanzklischee gepreßt zu werden?