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Ein Tief über Dänemark, ein Hoch über der Türkei - die Luftdruckgegensätze am vergangenen Wochenende waren im ganzen deutschsprachigen Raum äußerst diffus. So wurde zwar einerseits die Kaltfront in Richtung Österreich langsam abgedrängt, andererseits aber geriet der nördliche Alpenraum nur zögerlich in den Einfluß wärmerer Luftschichten aus Südwesteuropa.

Auch oben auf dem Gäbris war es daher am Samstag nachmittag kalt, wolkenverhangen und ekelhaft windig. Autofahrer dürfen die kleine Straße auf den 1251 Meter hohen Berg nur "mit schriftlicher Bewilligung" benutzen. Aber bei diesem Wetter wollte nicht einmal die Appenzeller Kantonspolizei hier kontrollieren. So schwangen nur ein paar Spaziergänger drohend ihre Stöcke in den Schweizer Himmel hinauf, und die braunen Kühe auf den Weiden drehten kurz die Köpfe.

Bei Föhnwetterlage, wenn sich also feuchte Luft beim Aufsteigen über dem Tessin abregnet und als trockener warmer Wind über dem Bodensee niedergeht (näheres siehe: das adiabatische Gesetz), dann sieht man vom Gäbris aus bis hinüber zur Zugspitze und auf der anderen Seite hinein in die Gletscherwelt der Zentralalpen.

Das ist schön. Das ist wunderschön. Ach was, "sauschön ist das", würde Jörg Kachelmann sagen.

Auf diesem (für Schweizer Verhältnisse) "Hügel" lebt tagsüber Kachelmann. Oder muß man sagen: Von diesem Hügel lebt Kachelmann?

Denn hier oben stehen in einem ehemaligen Schullandheim dicht an dicht die Monitore und Rechner der Meteomedia AG, mit deren Hilfe Kachelmann versucht, das Wetter der nächsten Tage vorherzusagen.

Keiner kann das so wie er. Falsch: Keiner konnte es so wie er.

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Seit der lange Schweizer erst im Radio und dann im Fernsehen in seiner Alltagssprache die Wolken verschiebt und den Himmel "pieseln" läßt, haben auch andere Meteorologen begriffen, daß "Niederschlag" Regen heißt und daß statt "örtlichen Aufheiterungen" ganz einfach hin und wieder die Sonne scheint.

Alle dozierten immer über das Wetter, nur einer redete darüber - so, wie ihm der Schnabel im Schweizer Arbeiterstädtchen Schaffhausen gewachsen war. Das war und ist der Erfolg des Jörg Kachelmann, der zunächst als "Mr. Weatherman" im Südwestfunk den Grauschleier aus dem Äther blies. Dem Funkhaus in Baden-Baden war Kachelmann mit seinen ungefragten Faxen über das tägliche Wetter so lange auf die Nerven gefallen, bis die Redaktion erkannte: Was der da schreibt, ist nicht nur lustig, sondern wahr. Vor einem schwer vorauszusagenden, da seltenen Wintergewitter hatte Kachelmann gewarnt. Prompt schlug der Blitz in eine Sendeanlage des Südwestfunks ein. Der Mann war eingekauft.

Die Freude am Element ist das eigentliche Geheimnis seines Erfolges.

Schneit und stürmt es auf dem Gäbris, steht der Lange auf dem Berg und lacht. Und warnt er die Ostfriesen vor der nächsten Sturmflut, dann sieht man ihm neben der Sorge auch die Freude über die Gewalt der Naturkräfte an.

Wer Kachelmann allerdings in diesen Tagen genau ins Auge schaut, sieht ihm noch etwas ganz anderes an: Er ist müde, hundsmüde.

"Am liebsten würde ich mich jetzt hier auf die Bank legen und einschlafen", sagt er, als er am vergangenen Wochenende wieder einmal von einem Interviewtermin aus Stuttgart zurückgekehrt auf dem Flughafen Zürich landet. Wo er in der zurückliegenden Woche überall gewesen sei? Kachelmann weiß es nicht mehr genau zu sagen. An Köln kann er sich erinnern, dort hat er nach der Aufzeichnung einer Talkshow noch bei McDonald's gegessen. Oder war das gestern in Berlin?

Seit April ist Kachelmann Programmdirektor des neuen deutschen Servicesenders Der Wetterkanal, der über den Kopernikus-Satelliten um das deutsche Lieblingsthema und um nichts anderes kreist.

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Und plötzlich moderiert er auch noch eine Vorabendsendung im Ersten Deutschen Fernsehen ("Vorsicht Blöff"), die mit dem Wetter nur so viel zu tun hat, daß die ersten drei Folgen ziemlich verhagelt waren. Wegen dieser Doppelpräsenz weht ihm aus den Medien ein warmes Lüftchen entgegen. Wetterkundig hält Kachelmann das öffentliche Interesse an ihm für ein mediales Zwischenhoch. "Ich bin mal eben von der vierten in die dritte Garnitur aufgestiegen." So hört sich Understatement auf Schwyzerdütsch an.

Mit den netten Schwiegersöhnen ist es ja nicht anders: Wenn die Familienfeier zu Ende ist, können sie auch sehr unfreundlich werden.

Jörg Kachelmann jedenfalls ist nur teilweise jener etwas schlaksige, mit den Armen fuchtelnde und so harmlos wirkende junge Mann, wie man ihn vor der Wetterkarte um 19.53 Uhr turnen sehen kann. Seine zwanzig Angestellten in der Wetterstation auf dem Gäbris kennen daneben noch den Unternehmer Kachelmann. Und der liebt, ganz Schweizer Calvinist, vor allem den Fleiß.

Um zwei Uhr (morgens) klingelt sein Wecker, und nach der ersten Koffeineinnahme setzt sich Mister Wetterman in seinen vierradgetriebenen Golf und fährt die steile Straße von Gais zum Gäbris hinauf.

Dort studiert er dann mit noch geschwollenen Augen die ersten Wetterkarten des Tages, interpretiert Luftdrucklinien und Höhenströmungen.

"Nur durch flotte Sprüche allein bekommt man keine Aufträge", weiß Unternehmer Kachelmann und hat darum den Ehrgeiz, als nichtdiplomierter Meteorologe und als abgebrochener Geograph ("ein Charakterfehler") dennoch besser zu sein als die beamtete Konkurrenz der staatlichen oder staatlich subventionierten Wetterdienste. Doch um das zu sein, reicht kein ausgefeiltes Computerprogramm. "Man muß ein Flugzeug auch mit dem Arsch fliegen können."

Kachelmann kann nicht nur vor der Wetterkarte richtig ordinär werden. Da bricht dann der Eisenbahner väterlicherseits aus ihm heraus. "Meine Vorhersage dauert zwei Minuten und vierzig Sekunden", erklärt er vor Publikum in der Radiosendung "SDR-3-Leute", schaut auf eine Zuschauerin und fährt fort: "Es dauert also genauso lange wie im richtigen Leben." Das errötende Lachen gefällt ihm. "Gell, jetzt haben Sie's verstanden", sagt er.

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Dabei versteht er überhaupt keinen Spaß, fragt man ihn selbst danach, wo eigentlich sein Bett steht. "Auf einem Berg, aber das geht Sie nichts an", wird er richtig unwirsch, und man spürt plötzlich wieder den Unternehmer im Schwiegersohn. Der weiß dann auch, daß er als Angestellter seiner eigenen Firma nur 120 000 Fränkli brutto im Jahr verdient und alle anderen Honorare direkt zurück in die Meteomedia AG fließen.

Über den Geldbeutel definiert er auch seine politische Entwicklungskurve von der stürmischen sozialdemokratischen Kinderstube ins altersweise Seniorenheim der Geißlerschen CDU. Viel lieber spricht Kachelmann nämlich über Politik als übers Wetter. "Wetter, das ist Bauch", und gerne möchte er eines Tages dorthin zurück, wo er in früheren Tagen seinen Kopf bislang am heftigsten gebrauchte: in die politische Redaktion einer Zeitung.

Träume: Dazu zählt auch das Segelboot am Bodensee. Es paßt zu ihm, daß er zwar schon einen Schiffsliegeplatz gepachtet hat, jedoch kein Boot sein eigen nennt. Einfach mal losstürmen und schauen, wo man herauskommt, so hat er immer begonnen, weshalb sich der Frosch auch gerne mit einem Stier vergleicht.

Jetzt also geht Kachelmann wieder voran. Vom 20. Mai an wird er im Wetterkanal (zunächst nur in Hamburg) über das Kabel fünfzehn Stunden am Tag sein Thema servieren. Allerdings wird man ihn selbst nicht vor einer Wetterkarte stehen sehen, denn ein Exklusivvertrag bindet Kachelmann bis Ende 1997 ans Vorabendprogramm der ARD.

Der neue deutsche Wetterkanal, ganz nach dem Muster des amerikanischen Weather-Channel gemacht, ist auch ein Frontalangriff auf die Beamtenstruktur, mit der in Deutschland Sonne, Wind und Regen verwaltet werden.

Wer selbst noch den todmüden Kachelmann mal richtig in Fahrt bringen will, braucht ihm außer einer Cola light nur noch die Frage nach seinem Verhältnis zum amtlichen Deutschen Wetterdienst (DWD) vorzusetzen.

"Abenteuerspielplatz für wildgewordene Beamte", bricht es aus ihm heraus. "Ein Privatunternehmen, mit Steuergeldern subventioniert, eine einzige Wettbewerbsverzerrung ist das ..."

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Die Wettervorhersage aus dem Kachelmann-Studio lautete für den vergangenen Sonntag: "Mehr Sonne, eher heiter." Das klang etwas trocken, aber entsprach durchaus der Wahrheit. Längst schlief Kachelmann da schon. Und träumte wohl auch. "Vom Wetter?" - "Das geht Sie nichts an."