Obwohl die Bayerische Vereinsbank (BV) nach einem Rekordgewinn 1995 über weiter steigende Erträge berichtet, erhielt sie kürzlich ein unerfreuliches Zeugnis aus Amerika: Die New Yorker Rating-Agentur Moody's, die die finanzielle Leistungsfähigkeit von Unternehmen beurteilt, hatte dem viertgrößten Geldhaus der Republik in einem von vier "Fächern" eine schlechtere Zensur als bisher verpaßt.

BV-Vorstandssprecher Albrecht Schmidt machte kein Hehl daraus, daß ihn die Abstufung auf die zweitbeste Note bei den langfristigen unbesicherten Verbindlichkeiten "ärgert". Mit dieser Reaktion steht Schmidt nicht allein. Die Arbeit der Rating-Agenturen und vor allem ihr gewaltiger Einfluß sorgen zunehmend für Unbehagen.

Rating-Agenturen wie Moody's und Standard & Poors (S&P) nehmen bereits seit Jahrzehnten amerikanische Firmen und die von ihnen ausgegebenen festverzinslichen Wertpapiere unter die Lupe. Die Ergebnisse werden in speziellen Buchstabensystemen eingeordnet und veröffentlicht. Die Skala reicht von einem dreifachen A - Triple A - für allererste Adressen über eine Vielzahl von Stufen bis hinunter zu C oder D, die signalisieren, daß der Schuldner praktisch pleite ist. Auf diese Weise erhalten Anleger einen raschen Überblick über die Ausfallrisiken von Anleihen.

Die jeweilige Klassifizierung hat erhebliche finanzielle Folgen für die Emittenten. Denn je besser die Zensur eines Unternehmens, desto kostengünstiger kann es sich Kapital beschaffen. Eine Faustregel besagt, daß jede Abstufung um einen Rating-Rang den Zins, den der Emittent für eine Anleihe zu zahlen hat, um fünf bis zehn Basispunkte - hierzulande wären dies fünf bis zehn Pfennig je hundert Mark - erhöht. Bei den oft riesigen Emissionsvolumen addiert sich das auf erkleckliche Beträge.

In Amerika sind die privaten Rating-Agenturen längst zu einer Macht geworden. Auf Basis ihrer Urteile entscheiden etwa die kapitalstarken Pensionsfonds, welche Anleihen sie kaufen. Um mit diesen Investoren ins Geschäft zu kommen, unterziehen sich zunehmend auch deutsche Unternehmen, neben den größeren Banken vor allem international operierende Konzerne wie Siemens, Daimler-Benz oder Hoechst, einem Rating - vorzugsweise bei Moody's und S&P, die den weltweiten Markt dominieren.

Doch diese Machtfülle provoziert zunehmend Kritik. Sie entzündet sich vor allem an den wenig feinen Methoden, mit denen Moody's um zusätzliche Marktanteile kämpft. So landeten die hiesigen Landesbanken im vergangenen Jahr nach einem neuen Bewertungsschema, das die Haftung durch den Staat nicht mehr berücksichtigt, auf einer speziellen Notenskala weit unten. Daß dieses Rating ohne Auftrag erstellt wurde, sorgte für zusätzliche Empörung. Da sie bislang noch keine finanziellen Nachteile erlitten haben, sahen sie allerdings von einer Klage ab. Anders in Amerika: Dort hat das auftragslose Rating durch Moody's inzwischen das Justizministerium auf den Plan gerufen.

Dabei lagen die Amerikaner in der Vergangenheit schon öfter mit ihren Ratings schief, so etwa bei der Metallgesellschaft, die erst dann eine schlechte Note bekam, als die Krise für jedermann sichtbar war. Daß es mit der Qualität der Prüfer nicht immer zum besten steht, bestätigt ein Banker, der aus Angst vor Nachteilen nicht genannt werden will: Er habe den amerikanischen Rating-Spezialisten, die sein Haus begutachteten, erst einmal die Gepflogenheiten der deutschen Wirtschaft erklären müssen.