Turnende Frauen, in Deutschland? Seit jeher standen sie, nicht weiter überraschend, unter männlicher Leitung. Seit jeher - bis zum 4. Oktober 1929. An diesem Tag nämlich wurde auf dem 20. Deutschen Turntag im Berliner Reichstag der erste weibliche Frauenturnwart (so hieß das!) der Deutschen Turnerschaft gewählt: Elisabeth "Els" Schröder aus Kaiserslautern. Mit 188 gegen 148 Stimmen setzte sie sich gegen einen vom Wahlausschuß vorgeschlagenen Mann durch.

Ohne die Mittelschullehrerin Henni Warninghoff aus Hannover, die als erste Frau auf einem Deutschen Turntag sprach und sich vehement für einen weiblichen Frauenturnwart einsetzte, "hätte ich es nicht geschafft", sagte Els Schröder rückblickend. "Turnvater Jahn - Turnmutter Schröder" - so heißt es seither oft (ihr ein wenig schmeichelnd) in Turnerkreisen. Über den Widerstand der Männer vor ihrer Wahl wunderte sie sich nicht. "Daß aber auch Frauen sich entgegenstellten, das war wohl aus Neid oder Mißgunst geschehen", vermutete sie in ihrem 94. Lebensjahr.

Viele Innovationen im Frauenturnen gingen auf Els Schröder zurück.

1928 zum Beispiel war jenes Jahr, als sie ihre "allgemeinen Freiübungen" für sechs- bis zehnjährige Mädchen zeigte, Vorläufer der heutigen rhythmischen Sportgymnastik. Zeitgenössisch übertitelt hießen sie: "Wir wollen uns recken und strecken, den Blick zum Himmel gewandt", "Wir wollen uns wiegen und biegen wie 's Bäumchen im Wind" oder "Wir wollen hüpfen und springen, bekunden fröhlichen Sinn". Als schönstes Erlebnis ihrer Turn-Laufbahn erwähnte Els Schröder stets das 15. Deutsche Turnfest 1933 in Stuttgart, bei dem sie als erste Frau die Freiübungen der 17 000 Turnerinnen gestaltete. Vier Jahre zuvor, beim 2. Pfälzischen Kreisturnfest (was heute einem Landesturnfest entspräche), sorgte sie ebenfalls für eine Premiere: Erstmals leitete eine Frau - selbstredend nur, weil Ober- und Männerturnwart rechtzeitig erkrankt waren - sogar auch die Freiübungen der Männer. Weil Els Schröder sich dieser Aufgabe durchaus gewachsen gezeigt hatte, durfte sie anläßlich der Eröffnung der Olympischen Spiele in Berlin 1936 die turnerischen Übungen der Frauen im Rahmenprogramm choreographieren. Beeindruckt von dieser Vorführung, verlangte Adolf Hitler, daß ihm die Verantwortliche vorgestellt werde. Beinahe wäre es zum Eklat gekommen, als Els Schröder diesem Wunsch nicht unverzüglich Folge leistete, um erst die Betreuung ihrer Turnerinnen zu beenden und dann erst dem "Führer" mit einem "Grüß Gott, Herr Hitler" die Hand zu schütteln.

Bei der Gleichschaltung der Deutschen Turnerschaft im Reichsbund für Leibesübungen bewies die protestantisch geprägte Sportlerin Zivilcourage, verweigerte die für Funktionäre erforderliche Mitgliedschaft in der NSDAP und mußte - ihr "großer Rausschmiß", wie sie es nannte - alle ihre turnerischen Ämter niederlegen. Nach dem Krieg widmete sich Els Schröder vor allem dem Wiederaufbau der regionalen Turnverbände.

Von 1948 bis 1954 war sie Landesfrauenturnwartin (so hieß das nun) und anschließend kurze Zeit Landeskulturwartin im Pfälzer Turnerbund, dem sie bis zu ihrem Tode als Ehrenmitglied angehörte.

Am 31. März 1996 entschlief Els Schröder in ihrem 97. Lebensjahr in einem Münchner Krankenhaus - und wie ihre Nichte bezeugt, führte sie noch bis zum letzten Atemzug gymnastische Übungen aus.