Hamburg

Blumen und einen Heiratsantrag bekam sie von "Carlos", der heute wie sie im Gefängnis sitzt. Einen tröstenden Brief schrieb ihr Jassir Arafat ans Krankenlager, damals, 1978 in Prag. Vierzehn Jahre später kreuzen sich ihre Wege in Oslo, ohne daß sie einander begegnet wären: Der einstige Terrorist erhält im Dezember 1994 den Friedensnobelpreis, während sie im Gefängnis gegen ihre Auslieferung nach Deutschland kämpft. Vergebens; und so kommt es, daß knapp ein Jahr später ein denkwürdiger Zufall die beiden noch einmal am selben Tag an denselben Ort führt: Im prächtigen Hamburger Rathaus wird der heutige Präsident der Palästinenser von Bürgermeister und Honoratioren empfangen, die einstige Kombattantin wandert in eine U-Haftzelle.

Über Arafat hat die Geschichte ihr Urteil gefällt. Das Schicksal der 43jährigen Souhaila Andrawes wird seit Montag voriger Woche vorm Dritten Strafsenats des Hanseatischen Oberlandesgerichts verhandelt. Sie ist angeklagt wegen gemeinschaftlichen Mordes, versuchten Mordes, erpresserischen Menschenraubs, Geiselnahme, Angriffs auf den Luftverkehr mit Todesfolge.

Deutschland im Schreckens-Herbst 1977: Am 5. September entführt das RAF-Kommando Siegfried Hausner den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, erschießt seinen Fahrer und drei seiner Beschützer. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und weitere acht Terroristen sollen freigepreßt werden. Am 13. Oktober kapern zwei Männer und zwei Frauen, das Kommando Martyr Halimeh der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), den Lufthansa-Jet Landshut mit 82 Passagieren und 5 Besatzungsmitgliedern: Schützenhilfe für die RAF. Obendrein wollen sie Geld und die Freilassung palästinensischer Kampfgenossen. 17. Oktober: Landung in Mogadischu nach einem Irrflug von Mallorca über Rom, Larnaka, Bahrein, Dubai, Aden; dort hat der Anführer Zohair Akache Flugkapitän Jürgen Schumann erschossen.

Tags darauf, kurz nach Mitternacht, stürmt die GSG-9 die Landshut, befreit alle Geiseln und erschießt drei der vier Terroristen.

Im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim bringen sich Baader, Ensslin und Raspe um. Einen Tag später wird Schleyers Leiche in Mülhausen gefunden.

Souhaila Andrawes erwartet keine Gerechtigkeit. Sie ist eine gebrechliche Frau im Rollstuhl, von Schmerzen geplagt. Damals, mit 22 Jahren, hatte sie, nach Schüssen in Beine und Lunge blutüberströmt auf einer Bahre liegend, geschrien: "Tötet mich, wir werden siegen!"

Mit emporgestreckter Hand hatte sie ein Victory-Zeichen um die Welt geschickt. Heute fährt diese Hand über die müde Stirn, hinter der die Erinnerung rumort und sich ebenso sorgfältige wie bereitwillige Aussagen zu Person und Tathergang formen. Sie spricht Norwegisch, das wie arabisch klingt, wie ein Journalist aus Norwegen sagt.