Die Wiener Marc Aurel Straße. Was so großartig nach dem römischen Philosophenkaiser heißt, ist ein beschauliches kopfsteingepflastertes Gäßchen dem Donaukanal zu. In dieser letzten Aprilnacht aber herrscht hier Endzeitstimmung wie nach der Verbrennung Roms oder besser: der Zerstörung Karthagos (der dritten).

Denn in der Marc Aurel Straße hausen die in diesen Tagen meistumwirbelten Zeitschriften Österreichs. Der Stadtzeitung Falter droht eine existenzgefährdende Strafe. Und das Nachrichtenmagazin profil wurde seines Herausgebers beraubt. Hinter beiden Ereignissen steht Österreichs größte Printverlagsgruppe.

Einer ihrer Protagonisten ist Christian Konrad, der Mann, der den profil-Herausgeber Hubertus Czernin feuerte; er vertritt die landwirtschaftliche Geldorganisation Raiffeisen. Diese besitzt im besonderen das profil, im allgemeinen beherrscht sie - gemeinsam mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) und Hans Dichand - das gewaltige Kartell rund um die Mediaprint, die gemeinsame Druck-, Vertriebs- und Anzeigengesellschaft. 55 Prozent Marktanteil sind Platz eins in Europa. (Springer, die größte deutsche Zeitungsverlagsgruppe, hat 24 Prozent.)

Diese Übermacht entfesselt zumindest am Tag von Czernins Entlassung beträchtliches Trauer- und Wutpotential: "S.O.S. Medienfreiheit", funkt via roter Lichtzeile der Designerkleiderladen im Falter-Haus und wirbt für ein Solidaritätsfest "unter freiem Himmel". Aus den Fenstern des profil-Gebäudes hängen schwarze Fahnen. Darunter drängen sich die profil-Redakteure, um ihren geschaßten Chef Hubertus Czernin ein letztes Mal zu herzen. Ausgerechnet im Cafè "Lapinski". Das heißt übersetzt soviel wie "Hasi", der Spitzname des Wirts und profil-Ressortleiters für Außenpolitik. Und Christian Konrad ist im Hobby Landesjägermeister, hat seinen Hochhausstand einen Blattschuß von der Marc Aurel Straße entfernt.

Über die Gründe von Hubertus Czernins Entlassung gibt es zweierlei Spekulationen. Die profane: Profil ist ein - leichtes Verlustgeschäft geworden. Die peinliche: Profil ist Raiffeisen zu vorlaut. So war denn Czernins Ende besiegelt, als ein profil-Cover zum Abschluß der Koalitionsverhandlungen den Kopf des Bundeskanzlers Franz Vranitzky auf einen nackten, dicht behaarten Manneskörper photomontierte (Titel: "Des Kaisers neue Kleider"). Christian Konrad, "entsetzt über diese Geschmacklosigkeit", entschuldigte sich umgehend beim Kanzler und legte los.

Jetzt, wo die profil-Redaktion zum ersten Mal deutlich gemerkt hat, in wessen Besitz sie eigentlich ist, wo sie - wie der Falter - in Mediaprint-Publikationen so gut wie nichts über ihren Fall gelesen hat, will sie nichts wie raus, irgendwie. Oder wenigstens eine breite Diskussion über Medienkonzentration in Österreich. In der aktuellen Ausgabe ist sie acht Seiten lang.