Ein Mann im Supermarkt. Beschwingt pfeift er vor sich hin, tanzt zwischen den Regalreihen hindurch, von einer Schnapssorte zur nächsten: Gin und Wodka, Brandy und Whiskey, Rum und Tequila. Mit kindlicher Freude wirft er die Flaschen in seinen Korb. Dabei wirkt jeder Griff wie die Verheißung, daß sich für ihn endlich der Himmel auf Erden auftue. Der Tag ist gelaufen, aber ansonsten scheint alles zu klappen.

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Ein alter Freund pumpt ihm etwas Geld. In seiner Bar scherzt er mit einer hübschen Frau. In einem Striptease-Club kippt er ein Viertel Wild Turkey, ex. Wie unter Strom torkelt er durch die Nacht, lacht und pfeift, lallt und fällt - und fühlt sich wohl dabei. Leute, die um Mitternacht noch trinken, trinken meistens gern, wenn auch vielleicht nicht so gern wie er. Nur um sechs Uhr morgens sind die Bars noch besser. Am allerbesten: keine Heuchelei mehr. Wer um sechs Uhr morgens trinkt, trinkt den ganzen Tag. Die Karten liegen auf dem Tisch.

Am nächsten Tag verliert der Mann seinen Job, er packt seine Sachen zusammen und verläßt Los Angeles. Sein Ziel: Las Vegas, Nevada, die Stadt, in der der Alkohol Tag und Nacht fließt. Seine Hoffnung: endlich alle Ketten abstreifen. Sich nichts mehr vormachen. Nur noch tun, was er tun will. Einige Tage später fragt ihn eine Frau, ob er trinke, um sich umzubringen. Seine Antwort: "Mich umzubringen ist die Möglichkeit zu trinken." Davor, noch in Los Angeles, als der Mann seinen ganzen Besitz in Flammen aufgehen läßt, Kleider, Möbel, Bücher, zuletzt Photos und Paß, singt Michael McDonald: "My hear is crying, crying lonely teardrops".

Mike Figgis kommt von der Musik. Schon sein Debütfilm "Stormy Monday" (1988) war nicht nur visuell beeinflußt von Edward Hopper, sondern auch rhythmisch vom ruhigen Jazz eines Lester Young. Seine Filme sind stets angelegt wie mehrstimmige Kompositionen, in denen die Figuren - wie rivalisierende Instrumente kontrapunktische Klänge erzeugen. "Leaving Las Vegas", für den Figgis die Musik selber komponiert hat, beginnt mit einer furiosen Nummernrevue: kurze Impressionen, die nicht nur den Beginn einer Handlung skizzieren, sondern vor allem die Seelenlage des Mannes portraitieren, seine äußere Haltung, seinen inneren Zustand. Figgis malt breit aus, wie alles bei seinem Helden um die Flasche kreist und auch darum, daß stets mehr vorrätig ist, als er trinken kann: freiwillig, mit einem Ziel vor Augen. Die Bilder zeigen diese Verfassung als selbstverständliche Obsession: Als ginge es um den leidenschaftlichen Genuß eines Menschen beim Bogenschießen oder bei der Teezeremonie. Es sind Bilder vom Rande des Wahnsinns, aber in einer Weise poetisiert, als böten sie Momente erhabenster Sinneslust.

In gewisser Weise sind Figgis' Bilder doppelt inszeniert: mit ihrer eigenen Fiktion auf der Vorderseite und dem visionären Entwurf auf der Rückseite. Über weite Strecken wirkt dieser Film wie der Versuch, das Feeling des New Hollywood neu zu beleben - jenes Gefühl, das, wie Pauline Kael Anfang der siebziger Jahre schrieb, den Amerikanern vermittelte, daß ihnen nichts anderes übrigbliebe, als gelähmt zu werden und zu sterben - und daß dies auch das angemessene Schicksal für sie sei. Eine Frau am Tresen rät anfangs dem Mann, er solle lieber nicht so viel trinken. Seine Antwort: "Vielleicht sollte ich lieber nicht so viel atmen."