Einen wie Jürgen Schrempp darf einfach nichts schrecken - dafür haben seine gutbezahlten Helfer in Sachen Image und PR mit ihren langlebigen Legenden gesorgt. Als "harter Hund" und "Sheriff", als "Rambo unter Deutschlands Managern", der "siebzig Marlboro am Tag raucht" und "italienischen Rotwein ebenso wie gut gezapftes deutsches Pils schätzt", ist der Daimler-Benz-Chef auch in ernsthaften Blättern eindeutig kategorisiert. Manches aus dem Archiv geht noch weiter: "Er ist ein Haudegen, kein Herr", ein "Plattmacher", der "nachts in Neu-Delhi an der Bar zur Jazztrompete der Hotelband greift, ohne sich die Zeit zu nehmen, das Mundstück zu wechseln".

Am Mittwoch der kommenden Woche hat Schrempp den nächsten großen Auftritt und damit Gelegenheit, sein Image zu polieren. Herauskommen könnte dabei eine neue Lektion im Fach Kapitalismus. Die alljährliche Hauptversammlung der Aktionäre von Europas größtem Industriekonzern steht nämlich unter ziemlich einmaligen Vorzeichen: Im Geschäftsjahr 1995 hat Daimler-Benz einen Rekordverlust von 5,7 Milliarden Mark erlitten und zahlt deshalb - zum ersten Mal seit 45 Jahren - keinen Pfennig Dividende. Stürmisch wird das Treffen der erbosten Anteilseigner also auf jeden Fall werden, doch das beflügelt einen Schrempp für gewöhnlich.

Es liegt aber noch mehr in der Luft. Erstmals bei einer Publikums-AG haben sämtliche Großbanken mit Ausnahme der Bayernhypo einen alten kapitalistischen Zopf abgeschnitten. Sie verzichten auf die ihnen normalerweise automatisch zuwachsenden Depotstimmrechte ihrer Kunden, wenn es am kommenden Mittwoch in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle um die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat geht. Die Kreditinstitute baten ihre Klientel brieflich um Weisung, ob sie für oder gegen die Daimler-Chefs stimmen sollen - ohne die Vorgabe wollen sie sich der Stimme enthalten.

Das außergewöhnliche Stück gelebter Aktionärsdemokratie hat als konkreten Hintergrund eine Strafanzeige des Daimler-Aktionärs Jochen Knoesel. Er wirft Schrempp und seinen Vorstandskollegen ebenso wie dem vor Jahresfrist abgetretenen Daimler-Chef Edzard Reuter und dem Aufsichtsrat vor, den Anlegern noch in der letzten Hauptversammlung einen Milliardengewinn in Aussicht gestellt zu haben, obwohl sich schon damals riesige Verluste abzeichneten.

Schaffen es die irregeführten Aktionäre, die Entlastung der Bosse zu verhindern, wären Schadenersatzansprüche gegen sie leichter durchzusetzen.

Der sich stets als ehrliche Haut verkaufende Schrempp ("Ich bin hart, aber fair") hat sich um eine klare Antwort auf die Frage nach seiner Mitverantwortung für die Desinformationen Reuters noch immer herumgedrückt. Sein damaliger Kollege Helmut Werner, bis heute Chef der Autotochter Mercedes-Benz, gab kürzlich immerhin zu Protokoll: "Ich bin im nachhinein mit der Rolle, die ich da spielen konnte, bestimmt nicht zufrieden." Nur sehr indirekt deutet Schrempp heute an, was damals gelaufen ist: "Das Träumen haben wir uns abgewöhnt."

Allzu lange hat der neue Chef dem alten zumindest verbal die Treue gehalten. Obwohl Schrempp die Vision Reuters vom integrierten Technologiekonzern schon längst als falsch erkannt und aktiv die unrentablen Geschäftsbereiche abzustoßen versucht hat, bleibt er seinem langjährigen Gönner und Vorgänger dankbar: "Vor diesem Mann ziehe ich den Hut. Wir sind gute Freunde, er hat mir in der Vergangenheit viel durch seinen Rat und sein Beispiel vorgegeben."