KIEL. - Zwei Werften, vier Landtagswahlkreise, sechzehn Fährlinien, mehrere Strände, das olympische Segelzentrum, eine Universität, ein paar Museen, die Gorch Fock, ein Regierungsviertel, ein Rathaus und 240 000 Einwohner - das ist die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt.

Politisch gilt sie als traditionell sozialdemokratische Hochburg: SPD-Kandidaten konnten hier bei Wahlen Traumergebnisse bis zu sechzig Prozent erreichen. Selbstverständlich stellt die Partei seit Jahrzehnten den Oberbürgermeister.

Etliche Genossen wähnen aus diesem Grunde, die Stadt gehöre ihnen; doch die roten Hoch-Zeiten sind vorbei: In den letzten Jahren reiht sich ein Stimmenverlust an den nächsten, muß die Partei neben der "Schubladenaffäre" und der bundesweiten Enkel-Sinnkrise unzählige hausgemachte Probleme, Skandälchen und eine unaufhaltsame Banalisierung der Stadtpolitik bewältigen; im Rat paktiert sie mit den Grünen.

Den Kielern reicht das Gewurschtel in ihrem Rathaus. Nach einer Phase der Stagnation in der Ära des singenden (Maikäfer-Combo) und Nutzpflanzen züchtenden ("Tomatoffeln") Oberbürgermeisters Karl-Heinz Luckhardt versuchte die SPD, mit der Wahl des vormaligen Iserlohner Beigeordneten Otto Kelling, Jahre politischen Fortschritts auf einen Sprung nachzuholen. Kelling parlierte fließend über moderne Verwaltungsstrukturen, Verschlankung, Controlling und EDV. Allein, die Modernisierungsphantasien scheiterten schnell und gründlich daran, daß der Iserlohner sich selbst, den Magistrat, die Ratsherren, die Verwaltung und seine eigene Partei in einen unentwirrbaren Kommunikationsknoten schlang, der die Rathauspolitik zum Erliegen brachte. Die SPD rang sich zur Abwahl ihres eigenen Mannes durch, die CDU wollte anfangs ihre dafür notwendigen Stimmen nicht hergeben, doch inzwischen sind alle der Meinung: Kelling muß weg.

Wer wird ihm nachfolgen? Der nächste Oberbürgermeister wird von den Kielern direkt gewählt. Und es schien einen Augenblick lang beinahe, als hätte die SPD, inmitten ihres Elends, doch noch eine Chance: Denn Norbert Gansel, Mitglied des Deutschen Bundestages seit sieben Wahlperioden, direkt gewählt in Kiel, auch in Zeiten des Niedergangs ein sicherer Über-fünfzig-Prozent-Kandidat, Moralist, Nervensäge, Steuererklärungsoffenleger, brillanter Redner, kluger und überaus beliebter Politiker, hatte auf die Frage, ob er für eine Kandidatur zur Verfügung stehe, nicht sofort mit Nein geantworte t.

Und das, so hieß es, heiße fast schon: Ja.

Doch der Hoffnungsträger tut gut daran, sich noch bedeckt zu halten - die Sozialdemokraten sind Spezialisten im Zerreden von Kandidaturen.

Der "Kleine Parteitag" der Kieler SPD vermochte es in der vergangenen Woche nicht, die "Chance Gansel" zu ergreifen: Aus formalen Gründen lehnten die Delegierten einen Antrag ab, der den Bundestagsabgeordneten zur Kandidatur hatte ermutigen sollen. Auch hat der ehemalige Juso, der wie Scharping, Schröder, Engholm, Börnsen der Enkelgeneration angehört, ohne deren programmatische Beliebigkeit zu teilen, in Kiel und in Bonn nicht nur mit den Kleinkariertheiten seiner Genossen zu rechnen: Gert Börnsen hat ihm nicht vergessen, daß er an seinem Sturz als Vorsitzender der Landtagsfraktion beteiligt war; etliche verübeln Gansel seine Rolle als konsequenter "Aufklärer" in der Schubladenaffäre.

In Bonn haben die Genossen den moralischen Rigoristen Gansel in eine Sackgasse gedrängelt: Bei der Wahl Hans-Ulrich Kloses zum Fraktionsvorsitzenden verlor er sein Amt als stellvertretender Vorsitzender der Fraktion; auf dem Mannheimer Parteitag der SPD im vergangenen Herbst schaffte er den Sprung in den Parteivorstand auch im zweiten Wahlgang nicht mehr.

Gansel ist unbequem, weil er intellektuell aufrichtig ist. Es ficht ihn nicht an, seine Position mit Argumenten der Vernunft zu vertreten, selbst wenn ein Saal voller Delegierter sich gegen ihn stellt: Fast allein stimmte er auf einem Landesparteitag für die Nachrüstung; er kämpfte für die Petersberger Beschlüsse seiner Partei zum Asylrecht und für eine Bewegung der SPD in der Blauhelmfrage.

Formelkompromisse und sozialdemokratische Broschürensprache sind ihm fremd.

Dieses dem Zeitgeist enthobene Politikverständnis kommt an beim Wähler: Wenn Gansel also in Kiel kandidierte, hätte er alle Aussichten, gewählt zu werden. Gelänge es ihm und Heide Simonis dann noch, sich zusammenzuraufen, könnte von dieser "Doppel-Spitze" nach schwierigen Jahren der Affären-Zerstrittenheit und des Wundenleckens, der Enkel-Eitelkeit und der Neuen Bescheidenheit ein frischer Impuls für die Partei ausgehen.