Siegfried Schwarz und einige Kollegen sind gerade dabei, ihre ehemalige Fabrik im saarländischen Ensdorf abzuwickeln. "Wir sind", sagt der 62jährige Produktionsleiter, "die letzten Mohikaner." Bis vor kurzem produzierten die Mitarbeiter Knabberartikel der Marke Stixi. Fast sein ganzes Arbeitsleben - 28 Jahre - hat Schwarz in der Fabrik verbracht. Doch jetzt gibt es für ihn und seine 190 Kollegen und Kolleginnen keine Beschäftigung mehr.

Ein Preisverfall bei Knabberprodukten um 25 Prozent und der harte Verdrängungswettbewerb zwingen dazu, die beiden Werke in Ensdorf und Limburg/Lahn zu schließen. Dies hatte jedenfalls der Vorstand der Stixi AG behauptet. Siegfried Schwarz mußte zusehen, wie der hochmoderne Maschinenpark von der Konkurrenz abgeholt wurde. Die soll jetzt im Lohnauftrag Stixi-Laugengebäck produzieren.

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf eine Branche, aus der man bislang wenig Hiobsbotschaften gehört hatte. Schließlich stand der Spruch "Gegessen und getrunken wird immer" dafür, daß die Lebensmittelproduzenten - nach Umsätzen drittgrößter Industriezweig in Deutschland - weit weniger den Launen der Konjunktur ausgesetzt waren als andere. Doch die gemütlichen Zeiten sind auch hier vorbei.

In den vergangenen vier Jahren ist der Absatz von Nahrungsmitteln im Lebensmittelhandel "um durchschnittlich zwei Prozent zurückgegangen", sagt Manfred Stach, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Unilever in Hamburg. Der größte heimische Nahrungsmittelproduzent will deshalb im laufenden Jahr wie schon 1995 rund tausend Arbeitsplätze wegrationalisieren.

Damit steht die Tochter des holländisch-britischen Multis nicht allein: Die Zahl der Betriebe der weitgehend mittelständisch strukturierten Branche ging von 5415 im Jahr 1992 auf 5079 Ende 1995 zurück von 574 000 Menschen, die noch vor vier Jahren ihr Brot mit der Herstellung von Margarine, Fischstäbchen, Schokoriegeln, Pulverkaffee oder Apfelsaft verdienten, verloren seither 50 000 ihren Arbeitsplatz. Und Hoffnung auf eine spürbare Besserung gibt es nicht, im Gegenteil. "Die aktuelle Spardiskussion ist Gift für unsere Branche", klagt Robert Raeber, Vorstandsvorsitzender der Nestlé AG in Frankfurt am Main.

Dabei trifft die anhaltende Flaute die Unternehmen, je nach Produktsortiment und Größenordnung, durchaus unterschiedlich. "Viele Mittelständler werden im harten Wettbewerb nicht überleben", prophezeit Peter Traumann, Präsident der Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie (BVE). Den Kleinen - das durchschnittliche Unternehmen beschäftigt hundert Mitarbeiter und setzt gut vierzig Millionen Mark um - fehle es häufig an den Finanzen, um die letzten Rationalisierungsreserven zu mobilisieren. Das aber scheint nötig. Denn die Verbraucher knausern angesichts knapper werdender Haushaltsbudgets lieber beim Essen und Trinken als bei den Ausgaben für Reisen, Auto oder Hobbys. Allein 1995 ging der Lebensmittelanteil an den Ausgaben eines durchschnittlichen Privathaushalts von 19,5 auf 18,5 Prozent zurück. Auf der anderen Seite treffen die Hersteller auf einen mächtigen Handel, der die Einkaufspreise kräftig nach unten drückt. Die zehn größten Handelsgruppen (Rewe, Spar, Metro, Edeka, Aldi, Tengelmann, Lidl, Karstadt, Allkauf, Schlecker) beherrschen nach Schätzungen des BVE bereits 80 Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes von rund 225 Milliarden Mark.

Während die beiden größten Lieferanten Unilever und die Nestlé-Gruppe jeweils gut sieben Milliarden Mark in deutschen Landen umsetzen, bringen es einzelne Handelsketten schon auf weit über dreißig Milliarden. Die zehn größten Produzenten - dazu gehören auch Kraft Jacobs Suchard, CPC Deutschland und Oetker - konzentrieren nach BVE-Berechnungen gerade mal elf Prozent des Umsatzes auf sich.