Überwucherte Industriebrachen, lärmige Autobahnzubringer, wilde Mülldeponien und ausufernde Gewerbebetriebe: Trübgrau, in Dämme und Deiche gezwängt, schiebt sich die Etsch am Rand von Bozen entlang, eine unordentliche Landschaft. Die Grenze zwischen Stadt und Land ist unbestimmt. Nur das Ortsschild an der kleinen Straße am Fluß markiert ein vermeintlich klares Ende der Südtiroler Provinzhauptstadt. Ist das der richtige Auftakt für eine Reise mit dem Fahrrad entlang des zweitlängsten Flusses Italiens?

Der Regionalzug hält auch am Bahnhof Leifers, sechs Kilometer südlich von Bozen. Mehrmals am Tag führt der Zug ein Abteil für Fahrräder mit. Die Etsch, die im Italienischen das Geschlecht wechselt und männlich l'Adige heißt, hat in Leifers bereits ein Viertel ihrer Gesamtlänge zurückgelegt. Am Reschenpaß, dem unscheinbaren Wiesensattel, der auch eine Grenze zwischen Österreich und Italien bildet, hat der Fluß seinen Ursprung. Durch den Vinschgau und das Meraner Burggrafenamt erreicht er Bozen und vereinigt sich hier mit dem Eisack, der vom Brenner herabströmt.

In früheren Zeiten trat die Etsch regelmäßig über die Ufer und flutete das ganze Land. Die zeitgenössischen Chroniken berichten von so gewaltigen Überschwemmungen, daß Boote nötig waren, um von einem Talhang zum anderen zu gelangen.

Mit dem Bau der Eisenbahn im letzten Jahrhundert wurde die Etsch reguliert und gebändigt. In mühsamer Arbeit wurden Deiche aufgeschüttet, Gräben und Kanäle gezogen, um das Land zu entwässern. Gleichzeitig entstanden die riesigen Obstplantagen, die sich jetzt über das ganze Land erstrecken. Wie auf dem Reißbrett, in Reih und Glied, in der Höhe kupiert und mit der chemischen Keule behandelt, steht Apfelbaum neben Apfelbaum. Die für die Region typischen Weinlauben verschwinden Lage für Lage. Denn der Obstbau, der halb Europa mit Äpfeln versorgt, verspricht größere Profite. Die Vielfalt der Vegetation ist einer agroindustriellen Monokultur gewichen.

Die richtige Gegend für eine Radtour? Ja, doch! Aber das Etschtal ist keine unberührte Naturlandschaft mehr. Es gehört zu den bedeutenden Wirtschaftsräumen in den Alpen. Der größte Teil des Transitverkehrs von Mitteleuropa nach Italien rollt durch das Tal. Doch zum Glück ist es breit. Radler können den motorisierten Verkehrsströmen leicht ausweichen. Durch die Obstplantagen verlaufen kleine asphaltierte Güterwege, der schotterige Etschdamm ist gut zu befahren, und am westlichen Rand des Tals zieht sich eine verkehrsarme Provinzstraße hin.

Erich Spitaler, der Chef des Tourismusverbandes Der Süden Südtirols, zu dem sich die Gemeinden hinter Bozen zusammengeschlossen haben, träumt von einer ausgebauten und markierten Radroute an der Etsch. Der Erfolg des Donauradweges, der jedes Jahr über hunderttausend Fahrer nach Österreich lockt, hat sich auch in Südtirol herumgesprochen. Aber das Etschprojekt kommt in der Provinz südlich des Brenners nicht so recht voran. Vor Jahren schon wurde eine Machbarkeitsstudie erstellt. Die Genehmigung des Wassermagistrats von Venedig, zuständig für die Etschdämme, liegt seit zwölf Jahren vor. Und in den Bauleitplänen der Gemeinden ist der Radweg an der Etsch längst eingetragen. Nur gebaut wird die Route noch nicht: Es hapert an der Finanzierung und an der Haftungsfrage bei Unfällen.

An der Salurner Klause fängt das Paradies für Radfahrer an. Auf den Zentimeter genau an der Provinzgrenze zum Trentino geht der Schotterdamm an der Etsch in eine glatte asphaltierte Piste über. Wovon die Südtiroler träumen, haben die Trentiner bereits verwirklicht. Ökologisch korrekt besteht der Belag des drei bis dreieinhalb Meter breiten Wegs aus wasserdurchlässigem Bitumen - eine Autobahn für Radler. Gelbe Linien begrenzen die Seiten des Teerbands. Gefährliche Stellen werden durch Holzzäune und Leitplanken gesichert. Alle paar Kilometer weitet sich die Piste zu einer Parkbucht mit Sitzbänken und Radständern, ab und an sogar mit WC-Häuschen und Wasserstelle.