Sieferles Buch behandelt in einer durch wenige Wertungen kaum eingeschränkten Distanzlosigkeit intellektuelle Vertreter der konservativen Revolution in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Die Präsentation der Positionen von Paul Lensch, Werner Sombart, Oswald Spengler, Ernst Jünger und Hans Freyer bezeichnet der Autor als hermeneutische Rekonstruktion. Er grenzt sich von einem kritischen Zugriff ab, weil es dabei weniger darum gehe, "dem Gegner gerecht zu werden". Nachdem er mit dieser Begründung die klassische Studie Kurt Sontheimers über "Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik", die in der Sezierung autoritärer Ideologien Wesentliches leistete, weggeschoben hat und die hellsichtigen, zeitgenössischen Arbeiten von Benjamin, Bloch und Adorno über Jünger und Spengler gar nicht erst rezipiert, behauptet er, eine Perspektive "außerhalb der alten Bürgerkriegsgräben" einzunehmen.

Das hat zur Folge, daß die Ideologeme der konservativen Revolution nicht auf ihre Übereinstimmung mit der Realität überprüft werden. Auch normative Maßstäbe werden nicht entwickelt. Sieferle verwirft die sogenannte Modernisierungstheorie, aus der sich Kriterien für die rationale Bewertung der Gedankenwelt der konservativen Revolution - vor allem im Blick auf den Anspruch demokratisch-liberalen Verfassungsdenkens - entwickeln ließen. Dem entspricht, daß er, an Freyer anknüpfend, eine "Ethisierung der Technik" als "totalisierende Geschichtspolitik" disqualifiziert.

Auf dem derart freigeräumten Feld tritt Sieferle seine - leider nicht nur naive - Reise durch die Gedankenwelt konservativer Revolutionäre an. An den Schriften Jüngers etwa demonstriert er die Akzeptanz der Technik im Materialkrieg. Ohne eine Spur humanen Eingedenkens heißt es: "Auch unter der historisch kontingenten Verkleidung des technischen Krieges erscheint die archaische Bestie, die töten will, voller Lust an der Fülle des Lebens."

Die deskriptiv getönte Erhöhung des Krieges, der schon Zeitgenossen wie Ernst Bloch mit dem Wort von der "knarrenden Todesmaschine, in der der Satan haust", entgegentraten, fällt zusammen mit einer ebenfalls wertfrei präsentierten Negation des parlamentarisch-demokratischen Systems von Weimar. Spenglers Bemerkung, daß die Konstituierung der Weimarer Republik "die sinnloseste Tat der deutschen Geschichte" sei, löst keine kritische Erwägung aus. So wundert es nicht, daß Sieferle, geblendet vom Selbstverständnis der Rechtsintellektuellen, sich entschieden dagegen wendet, deren Position als reaktionär zu bewerten. Dies ist nur möglich, weil er die autoritär gewendete Vergötzung der Technik nicht in Zweifel zieht und die konservative, gegenrevolutionäre Negierung der Ideen von 1789 in ihrer Bedeutung vollständig verkennt.

Die Betrachtung der NS-Herrschaft nimmt, gelinde gesagt, bizarre Züge an. Um die Beziehungen konservativer Revolutionäre zum entstehenden nationalsozialistischen Machtsystem zu minimalisieren, schreibt Sieferle: "1933/34 war noch nicht die Zeit eines ,totalitären Regimes`." Offenbar sind wir soweit, daß man einen Professor für Neuere Geschichte an die elementaren historischen Tatsachen erinnern muß, daß mit der Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 die Grundrechte zur Disposition einer souveränen Diktatur gestellt und die politischen Oppositionellen zum Freiwild der Exekutivbehörden und der SA wurden, daß mit dem Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 die Rechtsetzungsbefugnis für ein totalitäres System etabliert wurde.

Fatal wird es erst recht, wenn dem NS-Regime eine "legitime Modernisierung" zuerkannt wird, die sich in einer "soziale(n) Mobilisierung" - in Gestalt der Zerschlagung der Arbeiterbewegung? -, und einer "kulturelle(n) Mobilisierung" - in Form der Bücherverbrennungen? - ausdrücke.

Sieferle attestiert dem Naziideologen Peter Schwerber, daß sein judenfeindliches, dem Verhältnis von Nationalsozialismus und Technik gewidmetes Machwerk einen "theoretisch anspruchsvollere(n) Charakter" habe. Ganz unschuldig wird dieser Ideologe wie ein Teilnehmer an einem rationalen Diskurs behandelt, der, nota bene, ein "antisemitisches Argument" vortrage. Es lautet, in den Worten Sieferles: "Hinter der Herrschaft des Kapitals steckt . . . eine Strategie des Weltjudentums . . . Die Juden hetzen die Völker gegen die Technik, um sie vom Kampf gegen den jüdischen Kapitalismus und für einen nationalen Sozialismus abzulenken."

Daß Sieferle am Ende noch schnell mitteilt, daß die revolutionär-konservativen Entwürfe "zum Glück gescheitert sind", ändert an der Struktur seines Buches nichts. Es gehört in die zunehmende Reihe jener seit der Wiedervereinigung publizierten Arbeiten, die die gegenaufklärerischen, ja barbarischen Positionen des alten Deutschland verstehensinnig für ein neues Geschichtsbild einer machtzentrierten Nation verlebendigen.

Rolf Peter Sieferle:

Die Konservative Revolution

Fünf biographische Skizzen Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1996 251 S., 19,90 DM