Das Echo im deutschen Blätterwald ist bisher alles andere als zufriedenstellend. Mit einer irritierenden Geschwindigkeit und spektakulären Selbstsicherheit, die öfters nur die Ignoranz in der Sache verhüllt, hat sich gegen Daniel Goldhagens "Hitler's Willing Executioners" ein Abwehrkonsens herausgebildet: Das Buch bringe empirisch nichts Neues, im wesentlichen sei alles längst bekannt, anregende Fragen enthalte es auch nicht, kurz: Das "Ergebnis ist . . . gleich Null". Und da die Interpretation "natürlich puren Unsinn" darstelle (so, stellvertretend für manche anderen, zwei Zitate aus Rudolf Augsteins Kommentar im Spiegel), kann man nach vollendetem Verdammungsurteil offenbar entspannt zur Tagesordnung übergehen. Doch der erste Teil der Charakterisierung ist auf eine bestürzende Weise unvollständig, irreführend, wenn nicht unzutreffend; der zweite dagegen verdient einen ausführlicheren argumentativen Aufwand.

Das Buch erreicht keineswegs nur die wissenschaftlichen Experten, die bisher in der Tat übereinstimmend schneidende Kritik geäußert haben (zum Beispiel Omer Bartov, Yehuda Bauer, Christopher Browning, Norbert Frei, Raul Hilberg, Hans Mommsen, Moshe Zimmermann). Seine unübersehbare öffentliche Wirkung wirkt als Stachel, sich mit außerordentlich schmerzhaften Problemen, die keineswegs abschließend geklärt sind, erneut auseinanderzusetzen. Das könnte man als willkommenen Effekt begrüßen, anstatt spontan jede weitere Diskussion der Sachfragen abzublocken. Und auch die spürbare moralische Empörung, die den Verfasser antreibt, sollte man hierzulande gelassener respektieren können.

Es gibt mindestens sechs Gründe, Teile der empirischen Analyse und einige Fragen Goldhagens ernst zu nehmen. Er breitet drei Fallstudien aus: über Polizeieinheiten beim Werk der "Endlösung", über Arbeitslager für Juden, über Todesmärsche von Juden nach der Auflösung der Vernichtungs- und Konzentrationslager. Selbstverständlich hatte die weitverzweigte internationale Forschung zum Nationalsozialismus und Holocaust diese drei Komplexe nicht völlig übersehen. Befriedigend aber kann man die bisher gewonnenen Ergebnisse gewiß nicht nennen.

Erstens: Über den Judenmord der Einsatzgruppen, der Sonderkommandos, der SS-Brigaden vom Kommandostab Himmler, der zahlreichen Wehrmachtseinheiten sind wir inzwischen ziemlich genau informiert. Über jene Polizeiverbände indes, die ebenfalls Tag für Tag den Massenmord als Vollzeitbeschäftigung betrieben, gab es bislang eigentlich erst eine einzige umfassende und präzise Analyse einer einzigen Polizei-Reserveeinheit: in Christopher Brownings Buch "Ganz normale Männer" von 1992 (deutsch 1993). Jahrelang operierten aber rund vierzig solcher Polizeibataillone in Polen und Rußland! Erscheint es daher nicht berechtigt, daß sich Goldhagen bemüht hat, dieses Defizit zu verringern? Wenn ihm jetzt immer wieder Brownings Leistung entgegengehalten wird, kann man doch daran erinnern, daß nicht weniger als ein halbes Jahrhundert seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen war, bis dieses vorzügliche Kollektivportrait endlich erschienen ist. Also: gar nichts Neues mehr zu entdecken? Da lese man doch einmal die Kapitel 6 bis 9 in Goldhagens Buch.

Zweitens: Mehr als 10 000 Lager haben Hitlers Deutsche für "Gegner" aller Art eingerichtet: Konzentrations- und Vernichtungslager mit zahlreichen Außenstellen, Zwangsarbeiter- und Gefangenenlager, Ghettos und Arbeitslager, viele dieser Lager auch oder nur für Juden. Allein in Polen gab es rund 940 Arbeitslager für Juden. Über die sechs großen Vernichtungslager, über bekannte Konzentrationslager, über die mörderischen Wehrmachtslager für Millionen russischer Kriegsgefangener hat uns die internationale Forschung inzwischen informiert. Doch über die Interna der Arbeitslager für Juden wissen wir noch immer sehr wenig, viel zu wenig. Durfte Goldhagen da nicht zu Recht seine Untersuchung durchführen - nachzulesen in den Kapiteln 10 bis 12?

Drittens: Wenn es rund hundert Todesmärsche nach Westen gab, als die Lager im Frühjahr 1945 auf Himmlers Befehl vor dem Eintreffen der Roten Armee aufgegeben wurden, und wenn die Schätzung auch nur annähernd stimmt, daß von etwa 750 000 "Insassen" mindestens 250 000, vielleicht aber sogar 375 000 unterwegs umgebracht worden oder sonstwie elend umgekommen sind, wo sind denn wenigstens einige wissenschaftliche Monographien, die diese apokalyptischen Horrorzüge analysiert haben? Darum noch einmal: Alles schon bekannt? Ist es vielmehr nicht verständlich, daß Goldhagen auch diese Lücke ein wenig schließen wollte? Wer kein Herz aus Stein hat, wird die Kapitel 13 und 14 fassungslos lesen.