Vom Rinderwahnsinn mal ganz abgesehen - warum soll man überhaupt Fleisch essen? Auch eine fleischlose Ernährung bietet alles, was der Mensch für seine Existenz braucht, wird uns versichert. Warum also Fleisch? Es gibt darauf nur eine Antwort: Weil es neben der notwendigen Ernährung noch eine andere Dimension der Nahrungsaufnahme gibt - das Essen als Genuß. Und das wäre unvollkommen ohne eine Poularde in Morchelrahmsauce, ohne eine Siebenstundenkeule vom Lamm, ohne zartes Kalbsbries mit Trüffeln.

Essen und Ernährung sind zwei verschiedene Dinge. Wenn es nur darum ginge, den menschlichen Körper leistungsfähig zu halten, dann genügte es selbstverständlich, sich zu ernähren, wie man ein Auto volltankt. Aber wenn unser Leben neben seiner puren Existenz auch noch Werte haben soll wie Schönheit, Spiel und Ornament, wenn die Künste als lebensnotwendig gelten und das Sinnliche als produktiv angesehen wird, dann darf und kann man nicht auf die Verfeinerung des Essens verzichten. Es hat die Kulturgeschichte der Menschheit begleitet wie der Schatten die Sonne; seine zivilisatorische Bedeutung übertrifft die jeder technischen Errungenschaft, ausgenommen vielleicht das Wasserklosett.

Unsere Zivilisation begann erst in dem Moment, als neben der Ernährung das Essen eine Rolle spielte. Natürlich können wir uns heute ohne Fleisch ernähren. Aber es bedeutete einen Verzicht auf Verfeinerung, auf das Spielerische und im Grunde Nutzlose - alles Bausteine unserer Kultur. So sind denn auch die Argumente für fleischlose Ernährung rein materialistisch. Es geht ihren Propagandisten nämlich nur um ihre Gesundheit. Sie hoffen, durch Fleischverzicht weniger krank zu werden, länger zu leben. Sie rechnen uns vor, welche Kosten durch Krankheiten, die durch das Essen von Fleisch verursacht werden, wir Fleischesser dem Staat aufhalsen.

Und - auch das wird zugunsten des Fleischverzichts aufgeführt - Mörder sind wir außerdem. Genügt es nicht, daß sie sich als unbescholtene Nichtmörder sehen? Niemand muß sich dafür rechtfertigen, daß er kein Fleisch ißt. Wenn seine Angst vor dem Sterben so groß ist, daß er auf

den wichtigsten Teil des kulinarischen Genusses verzichtet - nichts dagegen. Nur genügte es, wenn die zur Entsagung bereiten Zeitgenossen das mit sich allein abmachten und nicht jeden Freund eines Rehrückens als Bambikiller bezeichneten.

Das Wort Entsagung stößt natürlich auf Widerspruch, weil der Verzicht auf Fleisch für die Verzichter kein Opfer, sondern ein Gewinn ist. Ein Gewinn an Wohlgeschmack kann er schwerlich sein, weil der mit dem Fleischverzehr verbundene Genuß erst gar nicht zugelassen wird. Ich gebe zu, daß Steaks und ähnliche halbroh in der Pfanne gebratene Fleischstücke in der Hierarchie des Geschmacks auf der untersten Stufe stehen. Darauf verzichte sogar ich. Aber nur, weil sie meinen Ansprüchen nicht genügen; der gesundheitliche Aspekt hat mich beim Essen noch nie interessiert, außer daß ich in Japan den Kugelfisch abgelehnt habe und Schlachtvieh aus Massentierhaltung meide.