Da viele Synästhetiker so reagieren, gibt es keine verläßlichen Zahlen, wie häufig das Phänomen vorkommt. Noch vor wenigen Jahren vermuteten Forscher in den USA, daß höchstens vier von hunderttausend Menschen eine synästhetische Begabung hätten. Neue Untersuchungen aus Cambridge korrigieren diese Zahlen um mindestens das Zehnfache nach oben. Danach könnte jeder zweitausendste Mensch Synästhetiker sein.

Synästhesie, abgeleitet von den altgriechischen Wörtern syn und aisthesis, laut Duden die "Miterregung eines Sinnesorgans bei Reizung eines anderen", ist ein zusätzlicher Kanal der Wahrnehmung. Manche Synästhetiker können Buchstaben fühlen, andere Töne in bunten Farben sehen. Die meisten sehen Texte und Zahlen in Farbe. Manchen erscheint die zusätzliche Information wie auf einem Bildschirm vor Augen, bei anderen findet sie im Kopf statt. Eine synästhetische Wahrnehmung ist immer etwas Zusätzliches, niemals überlagert sie andere Wahrnehmungskanäle wie Hören, Sehen oder Schmecken. Sie ist einfach da.

Wie können sich Synästhetiker zurechtfinden, wenn ihnen ständig so etwas im Kopf herumspukt? Der amerikanische Neurologe Richard Cytowic hat dafür eine ganz einfache Erklärung. "Stellen Sie sich vor, sie leben in einer Gesellschaft von lauter Blinden. Die würden Sie wohl auch fragen, wie Sie es aushalten, ständig etwas sehen zu müssen."

Cytowic lebt und arbeitet als Publizist und Neurologe in Washington. Seine Wohnung ist mit erlesenem Geschmack eingerichtet und wurde mehrfach in Fachmagazinen für Antiquitätensammler abgebildet. "Einen etwas exzentrischen Hang zu schönen Dingen hatte ich schon immer", sagt der stets in Schwarz gekleidete Wissenschaftler und läßt sein Monokel aus dem rechten Auge in die offene Hand fallen. Ist es Zufall, daß sich ausgerechnet ein Schöngeist wie er mit Synästhesie beschäftigt?

Sein Interesse daran erwachte vor fünfzehn Jahren. Cytowic studierte damals Neurologie an einer Universität in North Carolina und widmete sich nebenbei intensiv der Kunst. In Büchern zur Kunstgeschichte und Literatur entdeckte er zahlreiche Fälle von Synästhesie unter Künstlern: Die Spanne reicht von Rimbaud über Kandinsky, von Rimski-Korsakow bis zu David Hockney. Der englische Pop-art-Maler, der auch mit Bühnenbildern für die Metropolitan Opera Aufsehen erregte, sprach oft über seine Empfindung, daß Musik Farbe und Form besitze.

Besonders aufschlußreich ist der Fall des russischen Komponisten Alexandr Skrjabin, der schon um die Jahrhundertwende versuchte, seine synästhetischen Erfahrungen dem Publikum zu vermitteln. Seine Symphonie "Prométhée" enthält eine Partitur für ein sogenanntes Lichtklavier, das Töne in Farben und Formen übersetzen sollte.

Die Uraufführung fand am 20. März 1915 in der New Yorker Carnegie Hall statt, fünf Wochen nach Skrjabins Tod. Die Firma General Electric hatte eigens für das Konzert eine Lichtorgel entwickelt, deren technische Raffinesse in zwei Ausgaben der Zeitschrift Scientific American gewürdigt wurde.