Trotz solch spektakulärer Aspekte war Synästhesie über Dekaden hinweg für Neurologen und Wahrnehmungsforscher kein Thema. Erst seit ein paar Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler in Deutschland, England, Italien, Kanada und den USA mit dem Phänomen, das viel zur Klärung des Begriffs von Normalität und Kreativtät beitragen könnte. Daß auf diesem Gebiet überhaupt geforscht wird, ist Richard Cytowic zu verdanken - und, wie so oft in der Wissenschaft, dem Zufall.

Auf einer Dinerparty am 10. Februar 1980 überraschte Cytowic seinen Gastgeber, den Maler Michael Watson, der tief sinnend vor seinem Küchenherd stand und murmelte, das Festmahl- Hühnchen in Soße hätte zu wenig Spitzen. Dann entdeckte er Cytowic, wurde rot und verstummte. Cytowic, eine synästhetische Spur witternd, hakte nach und entlockte dem Künstler das Geständnis, daß für ihn jeder Geruch und Geschmack eine Form und Oberfläche hätte, die er auf der Haut spüre. "Bei Pfefferminz als glatte, kühle Marmorsäule von den Innenseiten der Arme bis hinab in die Handflächen. Bin ich vielleicht verrückt?"

Auf Cytowic machte Watson ganz und gar keinen verrückten Eindruck, und als er durch einen weiteren Zufall feststellte, daß eine Kollegin an der Universität Töne zugleich als Farbblitze wahrnahm, beschloß er, das Phänomen wissenschaftlich zu untersuchen. Damit handelte er sich ein enormes Problem ein.

Denn in der Wissenschaft ist es üblich, meßbare Ergebnisse zu verlangen. Doch gerade in diesem Punkt entzog sich die Synästhesie, die auf sehr subjektiven Eindrücken beruht, jedem Zugriff. Jeder Synästhetiker hat seine eigene Wahrnehmungswelt. Hat für den einen der Buchstabe A eine rote Farbe, so kann er für den anderen blau sein. Wieder andere nehmen nur Musik als Farbe wahr. Menschen wie Michael Watson reagieren dagegen nur auf Gerüche.

Wie also herausfinden, ob Synästhesie mehr ist als reine Einbildung? Cytowic mußte deshalb zunächst ein Testsystem entwickeln. Seine These: Liegt eine neurologische Ursache vor, ist also Synästhesie im Gehirn gewissermaßen fest verdrahtet, dann ist eine Wahrnehmung mit dem auslösenden Reiz unmittelbar gekoppelt. Auch nach über zwei Monaten werden diese Menschen exakt die gleichen Empfindungen beschreiben. Simulanten schaffen das nicht.

Als nächsten Schritt wollte Cytowic herausfinden, wo im Gehirn synästhetische Reize ausgelöst werden. Man kann dazu den Blutfluß im Gehirn messen, indem man die Versuchsperson radioaktives Xenongas einatmen läßt und dessen Weg durch die Blutbahnen verfolgt. Bei Michael Watson führte dieses Experiment zu einem erstaunlichen Ergebnis. Bei einer synästhetischen Wahrnehmung ging der Stoffwechsel in seinem Kortex, also der Gehirnregion, in der wir logisch und rational denken, dramatisch zurück. Er hätte in diesem Zustand eigentlich tot oder zumindest bewußtlos sein müssen, wundert sich Cytowic noch heute.

Der Neurologe schloß daraus, daß Synästhesie eine Funktion des limbischen Systems sei, also jenes Teils des Gehirns, das für Gefühle und Erinnerungen zuständig ist. Doch erhärten konnte er diese These nicht, weil die technischen Möglichkeiten für eine solche Prüfung noch nicht entwickelt waren. Inzwischen widmet sich der unruhige Geist anderen Themen, doch seine Thesen reizten Wissenschaftler in aller Welt, sich damit zu beschäftigen. Cytowic hatte offenbar den wissenschaftlichen Zeitgeist getroffen.