Gerade in den neunziger Jahren ist die Gehirnforschung zu einem der großen Forschungsthemen geworden. Das mag zum einen daran liegen, daß der Wissenschaft immer ausgeklügeltere Methoden zur Verfügung stehen, einem Gehirn beim Denken zuzusehen. Ganz sicher spielt jedoch auch eine Rolle, daß allzu mechanistische Erklärungsversuche der Vergangenheit gescheitert sind. Das Gehirn ist eben mehr als eine Maschine, die Signale wie ein Computer verarbeitet. Es schafft sich eine eigene Welt und formt daraus das, was wir Bewußtsein nennen.

Eigentlich ist diese Erkenntnis recht alt: Fast zeitgleich mit den ersten wissenschaftlichen Untersuchungen zur Synästhesie beschäftigte sich auch der Physiker und Physiologe Hermann von Helmholtz mit der Wahrnehmung des Menschen. Um 1850 stellte er die verblüffende These auf, daß Sinneswahrnehmung unbewußt stattfände und willentlich nicht beeinflußbar sei. Helmholtz leitete diese Erkenntnis daraus ab, daß man Lichterscheinungen hervorrufen kann, wenn man leicht auf das geschlossene Auge drückt. Obwohl man weiß, daß diese Lichterscheinung nur auf den Druck zurückzuführen ist, sieht man sie trotzdem.

Doch die Erkenntnisse von Helmholtz paßten nicht in die Epoche des beginnenden Maschinenzeitalters. Der Zeitgeist verlangte nach einem transparenten Menschen und einer möglichst objektiv meßbaren Funktionsweise des Gehirns.

Erst heute beginnt die Wissenschaft zu begreifen, daß das Gegenteil der Fall ist. Es sind gerade die unbewußten Funktionen unseres Gehirns, die als die Voraussetzung des Bewußtseins gelten. Ohne das Unbewußte wären wir nicht in der Lage zu existieren.

Paradoxerweise gründet sich diese Erkenntnis ebenfalls in einer maschinenorientierten Betrachtungsweise des Gehirns. In den fünfziger Jahren, als die ersten Computer Anlaß zu der Hoffnung gaben, man könne bald künstliche Gehirne bauen, untersuchten Wissenschaftler in Darmstadt und Berlin, wie viele Informationen unser Gehirn verarbeiten muß. Sie stießen dabei auf eine verblüffende Diskrepanz. Unsere Sinnesorgane liefern dem Gehirn etwa einemillionmal mehr Informationen, als es bewußt verarbeiten kann. Das Gehirn bildet die Außenwelt nicht einfach ab, wie das ein Photoapparat oder ein Tonbandgerät tut. Es interpretiert die Signale von außen und setzt daraus eine ganz persönliche Welt zusammen. Aus den Signalen der Außenwelt wird also eine Innenwelt geschaffen, und sehr oft haben beide Dinge nur wenig miteinander zu tun.

Eine rote Rose ist in Wirklichkeit eine stoffliche Struktur, die Licht einer bestimmten Wellenlänge abstrahlt. Erst in unserem Gehirn wird daraus die Farbe Rot und das Wissen darum, daß diese Struktur eine Blume ist. Dazu vergleicht es nicht nur die Signale von außen mit bereits gespeichertem Wissen, auch die Erinnerung an Emotionen wird erzeugt. Unsere Nervenzellen erschaffen nicht nur ein Abbild, sondern bewerten es auch. So kann das Bild einer roten Rose unwillkürlich den Duft der Blume in uns aufsteigen lassen, vielleicht auch die zärtliche Erinnerung an eine große Liebe.

All das geschieht, ohne daß davon etwas in unser Bewußtsein dringt. Der amerikanische Neurophysiologe Benjamin Libet fand heraus, daß das Bewußtsein etwa eine halbe Sekunde hinter den Aktivitäten des Gehirns hinterherhinkt. Wenn unser Bewußtsein glaubt, eine Entscheidung zu fällen, hat unser Gehirn schon längst alle Informationen der Außenwelt analysiert, bewertet und sich zurechtgelegt, was es mit diesen Informationen anfangen will. All das, was wir davon nicht merken sollen, wird vom Gehirn herausgefiltert.