Kann es sein, daß bei Synästhetikern dieser Filter durchlässiger ist als bei der Mehrzahl der Menschen? Daß sie tiefer in sich hineinschauen können? Richard Cytowic glaubt es. Er nimmt an, daß Synästhesie bei unseren vorgeschichtlichen Ahnen weitverbreitet war, durch die Entwicklung unseres Gehirns zur Rationalität jedoch zurückgedrängt wurde.

Doch diese These ist unter Fachkollegen heftig umstritten. Denn wie ließe sich mit ihr erklären, daß für die weitaus meisten Synästhetiker abstrakte Zeichen wie Zahlen und Buchstaben einen zusätzlichen Sinneseindruck auslösen?

Gerade mit solchen Menschen haben Forschergruppen in Mailand und London anhand einer sogenannten PET (Positions Emissions Tomography) experimentiert, das genauer arbeitet als jene Apparatur, die Cytowic benutzte. Als man ihnen Wörter und Zahlen vorlas, verlagerte sich die Kortex-Aktivität sofort auf jene Teile des Gehirns, die für das Erkennen von Farben und Mustern zuständig sind. Der britische Neurologe Simon Baron-Cohen glaubt deshalb, daß im Gehirn von Synästhetikern eine ungewöhnliche Verdrahtung existiert.

Manches spricht dafür, daß sie genetische Ursachen hat. Von 26 Synästhetikern, die an der Universtität Cambridge untersucht wurden, hatten die Mehrzahl nahe Verwandte, bei denen das Phänomen ebenfalls auftrat. Auffällig auch: Über achtzig Prozent aller Synästhetiker sind Frauen; der Anteil homosexueller Männer und Frauen scheint überproportional hoch zu sein.

Allerdings leiden alle Studien darunter, daß bisher vergleichsweise wenige Menschen untersucht werden konnten. Die statistische Aussagekraft, das beklagt auch Richard Cytowic, ist noch sehr begrenzt. Vor allem deshalb habe er ein Buch zu diesem Thema geschrieben (Richard E. Cytowic: "Farben hören, Töne schmecken", Byblos Verlag, 1995). Je mehr Menschen den Mut haben, sich zu ihrer Begabung zu bekennen, desto mehr werden wir über diese faszinierende Seite der Wahrnehmung und damit letztlich über uns selbst erfahren.