Mit dreister Lüge versuchte die B. Braun Melsungen AG noch vor kurzem, nachfragende Journalisten abzuspeisen. "Für Patienten, die unser Implantat Lyodura erhalten haben", behauptete der Weltkonzern vollmundig, "besteht und bestand kein Infektionsrisiko." Mit hoher Wahrscheinlichkeit aber steht das Braun-Produkt Lyodura mit mindestens fünfzehn Todesfällen in Zusammenhang. Diese Patienten bekamen Gewebeteile implantiert, die offenbar den tödlichen Creutzfeldt-Jakob-Erreger enthielten. Selbst nachdem die Firma wegen dieses Risikos das Herstellungsverfahren verbessert hatte, verkaufte sie noch zwei Jahre lang die alten Produkte. Braun bezeichnet diese "Möglichkeit der Übertragung" als "vernachlässigbar gering".

Lyodura ist der Markenname für gefriergetrocknete Hirnhaut, die menschlichen Leichen entnommen wird. Ist unter den toten Spendern ein Opfer der unheimlichen Seuche, wird offenbar auch der Empfänger infiziert. Lyodura wird vor allem bei Operationen am Gehirn eingesetzt.

Bei solchen menschlichen Ersatzteilen ist höchste Sorgfalt geboten.

Zwei Grundsätze der Infektionssicherheit sind unabdingbar: ein sicheres Herstellungsverfahren und von übertragbaren Krankheiten freie "Spender". So wirbt Braun Melsungen denn auch in der Gebrauchsinformation für Lyodura damit, daß die "Selektion geeigneter Spender nach strengen Auswahlkriterien" erfolge. Selbst die "Risikogruppe Homosexuelle und Prostituierte" wird angeblich ausgeschlossen.

Keine dieser Versprechungen dürfte dem führenden Klinikausrüster noch geglaubt werden, seitdem bekannt ist, auf welche Weise B.

Braun den "Rohstoff" für Lyodura eingesammelt hat. Der Konzern machte sich an die Sektionsgehilfen Dutzender pathologischer Abteilungen heran, die Ärmsten und Schwächsten in der Hierarchie der Kliniken.

Für ein Schmiergeld von dreißig Mark pro Stück wechselten die Hirnhäute sezierter Leichen in den Besitz der feinen Firma. Der Apothekenabgabepreis liegt beim Hundertfachen.

Meist außerhalb der Kliniken und mitunter im Marmeladenglas händigten die Lieferanten die begehrte Ware an den Firmenvertreter aus, unter Umgehung jeder medizinischen Kontrolle. Das Ergebnis solcher "Spenderselektion": Allein in acht Berliner Kliniken erbrachte die behördliche Rückverfolgung des Ursprungs längst wiedereingepflanzter Hirnhäute 41 "Spender" mit Krebs, 28 mit Tbc, 4 mit Hepatitis, 4 mit Syphilis. "Leider", berichtet Sigurd Blümcke, Chefpathologe am Uniklinikum Rudolf Virchow, "war der letzte Fall, den wir fanden, ein Aids-Fall."

Der Skandal schwelt schon Jahre. Aus mindestens neunzig Kliniken bezog Braun Melsungen nach bisheriger Kenntnis den "Rohstoff".

In Berlin wurden zwei Sektionsgehilfen bereits zu Geldstrafen verurteilt. Weitere Anklagen sind erhoben, auch gegen einen Vertreter des Konzerns. Doch die für Braun zuständige Aufsichtsbehörde wachte offenbar erst nach gründlicheren Journalistenfragen auf.

Anfang Mai erst stellte das Regierungspräsidium Kassel formell die vom Arzneimittelgesetz geforderte Zuverlässigkeit von Herstellungsleiter und Kontrolleiter in Frage. Braun reagierte prompt. Beide Herren wurden "von ihren Aufgaben entbunden".

Der Weltkonzern konnte in zahlreichen Fällen nicht belegen, von welchen Leichen die in alle Welt verkauften Lyodura-Stücke stammten.

Sie kamen auch aus unklaren Quellen in Rußland, was bis dahin immer bestritten wurde. Nun erst machte die Behörde Druck. Seit vergangener Woche muß Braun weltweit alle Lyodura-Packungen zurückrufen, die bis Beginn dieses Jahres hergestellt wurden.