Herbert Mai hätte die Schlichtung gern vermieden, gerade in diesem Jahr. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) will im Oktober in seinem Amt bestätigt werden. Da hätte es sich besser gemacht, ohne neutralen Dritten einen Ausweg aus der schwierigen Tarifrunde präsentieren zu können. Irgendwie, sagt Mai nach 25 Verhandlungsstunden und gerade mal eineinhalb Stunden Schlaf, spüre er aber auch eine gewisse Erleichterung. Denn die Gespräche mit den Vertretern von Bund, Ländern und Gemeinden hätten sich zuletzt nur noch im Kreis gedreht. "Vielleicht kommen wir jetzt wieder voran."

Der 48jährige, der Anfang vorigen Jahres zum Nachfolger von Monika Wulf-Mathies an die Spitze der zweitgrößten Organisation im Deutschen Gewerkschaftsbund gewählt wurde, schätzt es ganz und gar nicht, auf der Stelle zu treten. Als früherer Marathonläufer ist er es gewohnt, lange Strecken zu bewältigen. Auch wenn sein neuer Job ihm für dieses Hobby nicht mehr genügend Zeit läßt, die Ausdauer und Zähigkeit, die er dabei gelernt hat, gehören nach wie vor zu seinen Stärken.

Seine größte Schwäche ist offensichtlich: Herbert Mai ist alles andere als ein mitreißender Redner. Er legt es auch gar nicht darauf an, Emotionen zu wecken und so die Menschen hinter sich zu bringen. Er weiß selbst: "Das kann ich nicht." Auf dem Podium wirkt er denn auch eher linkisch und einschläfernd. Vom alten Typus des polternden, klassenkämpferischen Gewerkschafters hat er nichts, weder in den Gesten noch in der Wortwahl. Selbst in kleineren Runden gilt er als äußerst zurückhaltend, vielen sogar als zu zögerlich. "Er müßte mehr politische Vorgaben machen", sagen seine Kritiker, die so manches Mal den Eindruck haben, der Vorsitzende richte sich bei Entscheidungen schlicht nach der Mehrheitsmeinung. Vielleicht, so einer von ihnen, sitzt Mai einfach noch nicht fest genug im Sattel. Ein Arbeitgebervertreter formuliert es anders: "Im Prinzip traue ich ihm viel zu. Aber offenbar hat er vor seiner Wiederwahl noch nicht die Potenz, sich mit dem Schlachten einiger heiliger Kühe durchzusetzen."

Mai kennt die interne Kritik an seinem vorsichtigen Führungsstil. Doch sie ficht ihn nicht an. Er glaubt an den langfristigen Erfolg seines Kurses, der auf Information, Diskussion und den Austausch von Argumenten setzt. Sein Lieblingssport hat ihn gelehrt, daß einem beim allzu schnellen Spurt leicht die Puste ausgehen kann. Und alles in allem hat Mai diese Erfahrung bisher mehr Respekt als Kritik eingetragen. Christian Zahn zum Beispiel, Verhandlungsführer der Deutschen Angestelltengewerkschaft (DAG) für den öffentlichen Dienst, bewundert "die unglaubliche Geduld und Ruhe", die sein Kollege selbst in schwierigsten Phasen der Gespräche bewahrt. Seine Mitarbeiter loben den Fleiß des Chefs. Zwar murren sie manchmal über seine Unnachgiebigkeit und die hohen Anforderungen, die er an sie stellt; aber sie müssen konzidieren, daß er selbst am meisten schuftet.

Daß man sich anstrengen muß, um ans Ziel zu kommen, ist für Herbert Mai selbstverständlich. Ihm ist nichts in den Schoß gefallen. Schritt für Schritt arbeitete sich der Regierungsinspektor in der Gewerkschaft hoch. Vom Vertrauensmann und Jugendvertreter (1965) über den Jugendsekretär im Bezirk Hessen zum stellvertretenden Bezirksvorsitzenden. Schließlich, 1982, übernahm er die volle Verantwortung in dem schwierigen Frankfurter Bezirk. Dort profilierte er sich als Modernisierer und pragmatischer Reformer. Seine Wahl zum ÖTV-Vorsitzenden war nach dem Ausscheiden von Monika Wulf-Mathies letztlich unumstritten. Sein möglicher Rivale Klaus Orth, Bezirksleiter in Nordrhein-Westfalen, zog seine Kandidatur lange vor der Abstimmung zurück.

Heute, gut ein Jahr später, sind die meisten ÖTVler alles in allem mit ihrem Vorsitzenden zufrieden. Werner Ruhnke, Bezirksvorsitzender in Brandenburg, klopfte ihm stellvertretend für viele nach dem Scheitern der Tarifverhandlungen auf die Schulter: "Das hast du gut gemacht, Herbert." Und die Kollegen um ihn herum nicken zustimmend.