Auf dem 99. Deutschen Ärztetag, der in dieser Woche in Köln stattfindet, dürfte der Tagesordnungspunkt "Medizinische Hochschulen im Wandel des Gesundheitswesens" lebhafte Debatten auslösen. Kann die altgewohnte Verflechtung von Forschung, Ausbildung und Krankenversorgung noch finanziert werden? Gegen die Reformvorschläge von Gesundheitsminister Horst Seehofer regt sich in der Ärzteschaft Widerstand - wie dieser Artikel zeigt.

Die Hochschulmedizin gerät unter Spardruck. Einerseits können die Länder nicht wie bisher Geld zuschießen, andererseits steuert das Gesundheitswesen auf einem überfälligen Sparkurs. Eine Sonderbehandlung der Hochleistungsmedizin in den Universitätskliniken haben die Politiker verwehrt. Trotzdem stimmen die Universitätskliniken und Medizinfakultäten weniger laut in das gegenwärtige Lamento über Kürzungen ein, sondern fordern neue Strukturen. Sie kritisieren Horst Seehofers Vorstellungen zur Reform der Ärzteausbildung, wünschen eine Neuorientierung der Gesundheitspolitik und streiten mit den Universitäten, wie eine international wettbewerbsfähige Hochschulmedizin zu organisieren sei.

Ein Vorzug unserer Hochschulmedizin ist die Einheit von Krankenversorgung, Forschung und Lehre: Sie ermöglicht klinische Forschung am Krankenbett.

Um diese Einheit wird heute gestritten. Das Bundesgesundheitsministerium möchte die Ärzteausbildung reformieren: Künftig sollen verstärkt Allgemeinärzte ausgebildet werden, denn heute würden zu viele Fachärzte produziert, die anschließend zu hohe Kosten verursachten.

Für diese Neuausrichtung soll der Praxisanteil im Studium erhöht werden - mit dem Hintergedanken, auch die Zulassungszahlen drastisch zu reduzieren.

Im Februar hat der Medizinische Fakultätentag den Seehoferschen Entwurf abgelehnt. Zwar ist die Ausrichtung an einer besseren allgemeinärztlichen Studienkonzeption zu begrüßen. Doch dazu müßte auch die fachliche Aufteilung zwischen Studium und Weiterbildung neu angelegt werden. Weder soll die viel zu hohe Fächerzahl auf etwa sechs Basisfächer (Innere Medizin, Chirurgie, Frauenheilkunde, Pädiatrie, Allgemeinmedizin und Psychologie) heruntergeschraubt werden, noch ist von einer Neuordnung der vorklinischen und medizinisch- theoretischen Ausbildung im Studium die Rede. Sinnvoll wäre eine Aufteilung in Pflicht- und Wahlfächer. Mancher fürchtet, der Regierungsentwurf wünsche eine Medizinerausbildung auf Fachhochschulniveau. Nötig wäre hingegen ein zukunftsfähiger wissenschaftlicher Studiengang in der Hand der Hochschulen. Eine schlichte Fehlkalkulation des Bundesministeriums ist die Erwartung von geringeren Studentenzahlen.

Das Kapazitätsrecht ist durch eine zentrale Verwaltung und eine praxisferne Rechtsprechung derart zementiert, daß kaum eine Chance auf Besserung besteht. Selbst Vorstöße, daß die Universitäten sich mehr Studenten selber aussuchen dürfen, hatten bisher keinen Erfolg. So mußte die Berliner Charité die durch den Einigungsvertrag vorübergehend mögliche örtliche Zulassung bald wieder an die ZVS in Dortmund abtreten.