FREIBURG. - Luzifer allerorten - Sektenchefin "Uriella" triumphiert im Kampf ge-gen irdische "Geister" in Waldshut -, im Schlußszenario gewinnt die märtyrerhafte Pose. Für Augenblicke verschwindet das Lächeln aus dem Gesicht der Angeklagten. Ihre Augen werden feucht, die weiß gepuderte Haut spannt sich unter der schwarzen Kunsthaarperücke.

Noch immer leide sie unter dem Tod "ihrer Kinder", sagt die ganz in Weiß gehüllte ältere Dame salbungsvoll in den proppenvollen Saal 20 des Landgerichts Waldshut. Aber die beiden Frauen hätten sich nicht an ihre Weisungen gehalten. Weisungen "Uriellas", des selbsternannten Sprachrohrs Gottes, der Führerin der südbadischen Sekte "Fiat Lux": Ihre Anhängerschaft ist überzeugt, daß sie normalerweise den göttlichen Willen kundtut.

Begründeten Zweifel an dieser Sicht der Dinge hegen indes die irdischen Richter. In sechs Verhandlungstagen mußten sie herausfinden, ob die Anordnungen der angeklagten Erika Bertschinger-Eicke, alias Uriella, 1988 zum Tod zweier Fiat-Lux-Mitglieder geführt haben.

Vergangene Woche nun wurde der "Rauschgoldengel" aus dem Hotzenwald vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung freigesprochen. Aus Mangel an Beweisen.

Voller Wucht prallten vor der Ersten Großen Strafkammer des Waldshuter Landgerichts zwei ungleiche Drehbücher aufeinander. Hier die weltlichen Juristen, um Neutralität und Empathie bemüht. Dort die weiß gewandeten, engelgleichen Heerscharen der Sekte Fiat Lux. Im Aussehen Kommunionskindern ähnlich, in einem wüsten esoterischen Gemenge aus Christentum, Hinduismus, Buddhismus und Anthroposophie auf die Botschaften des "inniggeliebten Heilands" und seiner angeblichen Mitteilung vom Weltuntergang im Jahre 2000 eingeschworen. Mittendrin Uriella, 67jährige Gründerin des Ordens Fiat Lux (1980), nach ihren eigenen Worten "feinstoffliches Medium" für Jesus und Maria. Keine einfache Konstellation, um säkulares Recht zu sprechen.

Der Blick zurück. Nach der vom Orden gern verbreiteten Vita fing das Heilerinnen-Leben von Erika Bertschinger-Eicke Ende der sechziger Jahre an. Ein "Volltrance-Medium" in New York hatte die damalige Angestellte einer Schallplattenfirma auf ihre mystische Begabung gestupst. Von nun an hatte sie heilende Hände". "Tausende von Patienten" ließen sich in den Folgejahren von der Schweizerin behandeln, ferndiagnostisch oder per Handauflegen. 1977 kontaktierte die Erwählte im schweizerischen Wohnort Egg erstmals Jesus, in Volltrance. Drei Jahre später begann die Geistheilerin ihr Reich auf- und auszubauen. Ordenszentren entstanden im Südbadischen.

In Kärnten erwarb Uriella zwei Häuser mit ausufernden Grundstücksflächen.

Heute werden Fiat Lux ("Es werde Licht") rund tausend Anhänger zugerechnet.

Um nun "Amora", die neue Erde nach Gottes/Uriellas angekündigtem Strafgericht, als Auserwählte zu erreichen, müssen die Fiat-Lux-Anhänger eine harte Prüfungszeit hinter sich bringen. Womit sich der Kreis zu den fragwürdigen Weisungen der Sektenchefin allmählich schließt.

So ist den Jüngern der Gemeinschaft strenge Askese vorgegeben: kein Fleisch, kein Alkohol, kein Nikotin und vor allem keine Pharmazeutika.

"Der Heiland allein ist der Arzt", heißt es in einer der unzähligen durch die "Hohepriesterin" vermittelten "Botschaften des Allmächtigen".

Klar, daß nur Gottes unerschöpfliche Apotheke den Kranken aufpäppeln darf. Athrumwasser und Tartarus, Schwedenkräuter und diverse andere geheime Mittelchen der Natur.

In den in Waldshut verhandelten Todesfällen hätte eine schulmedizinische Antibiotikabehandlung jedenfalls Leben retten können. Davon ist der Freiburger Rechtsmediziner Stefan Pollack überzeugt. Statt dessen vertrauten sich die beiden Fiat-Lux-Anhängerinnen bedingungslos Uriella an: ihrer Ferndiagnose samt knierutschender Lichttherapie übers Telephonnetz, dem Atemstrahl und den "spagirischen Heilmitteln".

Die Patientinnen starben - an Blutvergiftung die eine, an Mittelohrentzündung die andere. Ist Schuld nachzuweisen, weil Druck den Arztbesuch und die richtige Behandlung verhinderte? Ausgestiegene Fiat-Lux-Rebellen sagen ja. Schützend wie eine undurchdringliche Wand stellen sich hingegen die Sektenmitglieder vor ihr fragiles "Trance-Gefäß".

Die Betroffenen hätten eigenständig entschieden.

Stutzig macht freilich jenes ausgefeilte theoretische Instrumentarium der Ordensführung, mit dessen Hilfe die große Fiat-Lux-Familie zu den Ufern des wahren Glücks geführt werden soll. Beispiel: die "weiße Lüge", interner Terminus technicus für das "von oben abgesegnete" Recht auf die kleine Unwahrheit. Anwendung fand die weiße Lüge beim Heilmittelschmuggel von Sektenmitgliedern über die deutsch-schweizerische Grenze. Nicht auszuschließen, daß sie auch ab und an im Zeugenstuhl Platz nahm. "Auffallend ähnliche" Aussagen von einigen Sektenmitgliedern reklamierte zumindest die Vorsitzende Richterin Christine Wönne. Ebenfalls im Sektenköcher tummeln sich die mühsam herangezüchteten Feindbilder: die zerstörerischen Freimaurer, die Zeugen Jehovas, sogenannte internationale Illuminatringe.

Luzifer allerorten.

Bleibt noch die zweifelhafte Funktionalisierung Gottes. Fiat Lux schmiedete den Allmächtigen zu einem drohenden und bei Gelegenheit strafenden Übervater. Eine (bewährte) Methode, der barocken Lichtgestalt Uriella, ihrem Gatten Icordo und einem engeren Führungszirkel Macht über eine Herde Menschen zuzuschanzen. Der triumphale Zug Uriellas aus dem Gerichtssaal in die Freiheit, untermalt von "himmlischen" Lobgesängen einer entzückten Jüngerschar, gibt jedenfalls zu denken.