So fängt es meistens an: "Bei einem kleinen Italiener. Wir hatten uns zum Essen getroffen. Er sagte, daß er finanziell nicht mehr weiterwisse. Da haben wir gesagt: gut." Wer spricht hier? Wer war wann mit wem bei einem kleinen Italiener? Winter 1993. Zwei Männer in Hamburg. Sie sprachen über Geld. Es ging um eine Frau. Stern -Ressortchef Thomas Osterkorn mit dem Rechtsanwalt und Revisionsexperten Gerhard Strate. Sie sprachen über Monika Böttcher, geschiedene Weimar. Vergangenen Mittwoch begann vor dem Landgericht Gießen erneut der Prozeß gegen diese Frau. Das Wiederaufnahmeverfahren.

Lebenslänglich für den Mord an ihren beiden kleinen Töchtern Melanie und Karola, hatte am 8. Januar 1988 das erste Urteil gelautet. Die Richter in Fulda waren damals zu der Überzeugung gekommen, das sexuelle Begehren der Mutter habe zum Mord an ihren Töchtern geführt. Mutter Weimar begehrte einen amerikanischen Soldaten, mit dem sie sehr oft abends in die Disco ging und Liebesnächte im Auto verbrachte. Ihre Töchter seien ihr im Weg gewesen, unterstellten die Richter und stützten sich auf ein Indiz: mikroskopisch kleine Textilfasern. Die stammten von der Bluse der Mutter und waren vermehrt an der Kleidung einer der getöteten Töchter gefunden worden. Wie waren sie dahin gekommen? Bei der Tat? Bei einer Umarmung Tage vor dem Mord? In der Waschmaschine beim Schleudergang? Beim Tragen der Leiche, entschieden die Richter.

Schwerwiegende Indizien. Die Fusseln führten auch zum kleinen Italiener nach Hamburg. Ein rechtskräftiges Urteil aufzuheben, dazu braucht es neben guten Argumenten vor allem Geld. In diesem Fall Geld für ein wissenschaftlich abgesichertes Gegengutachten. Rechtsanwalt Strate hatte "schon etwa 90 000 Mark" in Recherchen investiert. Der stern stieg ein und übernahm mit 50 000 Mark einen Teil der Kosten. Die Illustrierte war von Anfang an auf der Seite der Mutter gewesen und bestand nun auf dem Exklusivrecht an ihrer Geschichte.

Dann geschah Unerwartetes: Das Oberlandesgericht Frankfurt hob am 4. Dezember 1995 das erste Urteil auf. Strate hatte es geschafft. Monika Weimar, ein Justizirrtum? Alle berichteten über die Sensation. Bild am Sonntag, Spiegel und der NDR brachten sogar Gespräche mit der Entlassenen, die der stern doch für sich beanspruchte. Das Verlagshaus Gruner+Jahr nannte Gerhard Strate einen "Nachrichtenhändler" und verklagte ihn vor dem Hamburger Landgericht. Der Rechtsanwalt wehrte sich am 21. Dezember 1995 im NDR-Magazin "Panorama": "Der stern will ernsthaft mir und Frau Weimar verbieten, über diesen Fall zu sprechen bis zum Erscheinen des nächsten sterns am Donnerstag kommender Woche! In welcher Welt leben wir denn eigentlich?"

Noch einmal floß Geld. Diesmal vom Spiegel. 20 000 Mark für Reinhard Weimar, der von Anfang an auch als möglicher Täter im Gespräch war. Spiegel-Gerichtsreporter Gerhard Mauz, seit Beginn auf der Seite des Vaters: "Herr Weimar ist ein ganz armer Hund." Ein Frankfurter Rechtsanwalt hat nun den juristischen Schutz von Reinhard Weimar übernommen. Stern-Kollege Osterkorn über die Geldgabe des Spiegel: "So 'n bißchen Hautgout hat das ja." Mauz über den stern: "Fragen Sie mal nach den Summen, die der stern in Frau Weimar gesteckt hat!" Osterkorn: "Insgesamt? Das weiß ich schon gar nicht mehr."

Sollte sich hier das Ende des Scheckbuch-Journalismus ankündigen, wissen wir für exklusive Geldgeber einen Ausweg: Sponsoring von Wiederaufnahmeverfahren. Es geht ja nicht ohne Geld. So könnte am Ende, etwa unter einem dezenten Transparent, das Landgericht Gießen verkünden: Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil, mit freundlicher Unterstützung von . . .