"Ni chifan le meiyou?" - "Haben Sie schon Reis gegessen?" Traditionell begrüßen sich bis heute Chinesen mit dieser Frage, um sich guten Tag zu wünschen. Ein Tag, an dem man Reis zu essen hatte, mußte einfach ein guter Tag sein. "Niemals hätte jemand für einen Gruß gefragt, ob du heute schon Fleisch gegessen hast", spottet die Zeitschrift Zhongguo Pengren (Chinas Gastronomie).

Diese neue Grußformel könnte bald angebracht sein. Der Speiseplan von Millionen Stadtbewohnern Chinas ändert sich rasant. Täglich zieht es Hunderttausende chinesischer Halbwüchsiger in die Hamburger-Restaurants der US-Kette McDonald's oder in die Fast-food-Imbisse von Kentucky Fried Chicken. 1990 eröffnete McDonald's den ersten Hacksteakladen in Südchinas Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Vier Jahre später zählte die US-Kette in China fünfzehn Millionen Kunden in 27 Restaurants. Jetzt sind es schon 74 Restaurants. Der Zeitpunkt, an dem Milliarden von Chinesen in Milliarden von Hamburger beißen, ist nicht mehr fern.

Immer mehr Fleisch, Fleisch, Fleisch will der durch Chinas Reformen kaufkräftig gewordene Mittelstand auf seinem Teller sehen. Eine abrupte Abkehr von Chinas klassischer Eßphilosophie: Aus Reis oder Getreide hat die Hauptspeise zu bestehen, alles andere sind Beilagen. Ein Chinese kann sich innerlich nicht "richtig satt und wohl" fühlen, wenn er nur Fleisch ißt. Yin und Yang sind dann nicht mehr in Gleichgewicht.

In den überfüllten, wie Pilze aus dem städtischen Boden geschossenen Fleischfondue-Restaurants (nach Vorbild des Pekinger Feuertopfs) ist Selbstbedienung am Fleischtopf in Mode gekommen. Grillrestaurants mit freiem Fleischbüfett sind ebenso Renner wie Steak-Wochen in den Luxushotels. Die filigranen Stäbchen weichen scharfgezackten Steak-Messern.

30,8 Kilo Fleisch habe der Durchschnittsstädter 1994 in China konsumiert, schreibt die Pekinger Gesellschaft für Ernährungsberatung. Ein Jahr zuvor verzehrte er erst 24,5 Kilo Fleisch. Ein Bauer kam durchschnittlich nur auf 13,3 Kilo. 1995 wurden 47 Millionen Tonnen Fleisch in China produziert, vorwiegend vom Schwein. Es wird noch mehr werden. Der Verbrauchertrend gehe trotz sich verschärfender Einkommensunterschiede in der Gesellschaft zu viel mehr Fleisch und Fisch, sagt eine Prognose der Pekinger Landwirtschaftsakademie für das Jahr 2000. Die Kehrseite der Fleischeslust: Das Getreide wird knapp, 109 Millionen Tonnen Futtergetreide werde China im Jahr 2000 brauchen, mehr als ein Fünftel des geplanten Ernteertrages.

Noch wird eher Schweinefleisch und Geflügel verzehrt, aber auch Rindfleisch ist im Kommen. Mit Zuchtrindern aus Europa und Kanada will Pekings Agrarministerium die Rindfleischproduktion in Kürze um 10 Millionen Tonnen erhöhen.