Just in dem Augenblick, als sich Bundespräsident Roman Herzog in der vergangenen Woche zu einem Besuch nach Georgien aufmachte, erhielt Rolf Knieper, Professor für Privatrecht in Bremen, ein Fax des Justizministers Thedo Ninidse aus Tiflis, der Hauptstadt Georgiens: "Heute am 11. Juni hat das georgische Parlament georgisches ZGB in der ersten Lesung verabschiedet. Parlament hat diese Entscheidung einstimmig gefaßt. Herzlichen Glückwunsch."

Für Rolf Knieper war dies die schönste Nachricht des Jahres. Hatte sich die Arbeit also gelohnt, die vielen Reisen nach Tiflis, die unzähligen Gespräche mit georgischen Juristen, die Arbeitsgruppen, die Symposien, die nächtelangen Diskussionen: Die Georgier hatten ihr Zivilgesetzbuch auf den Weg gebracht, an dem Knieper und Juristen aus Bremen und Frankfurt seit Jahren entscheidend mitgewirkt haben - Entwicklungshelfer auf dem Acker des Rechts.

In fast allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion tummeln sich westliche Rechtsberater. Sie alle wollen die neue Gesetzgebung mitformen, die nach dem Zerbröseln der alten Rechtsordnung notwendig geworden ist. Es geht um die Regeln des Kaufrechts, des Wohnungseigentums, des Darlehnsrechts, um Regeln, die hierzulande bis ins letzte Detail ausgefeilt sind, daß nur noch spezialisierte Juristen den Durchblick haben. In dieser verfeinerten Form sind die Gesetze für die neuen Staaten im Osten unbrauchbar. Eine simple Übernahme der westlichen Gesetzgebung kommt nicht in Frage. Notwendig sind vielmehr Gesetze, die an die kulturelle Tradition anknüpfen.

Mittlerweile gibt es fast kein westliches Land, das nicht Juristen in die Länder der ehemaligen Sowjetunion entsendet. Zwischen den Beratern hat sich gar eine unnötige Konkurrenz entwickelt. "Als ich vor etwa einem Jahr nach Usbekistan kam", berichtet Rolf Knieper, "traf ich dort auf Amerikaner, die das Einkommensteuerrecht, auf Deutsche, die das Bilanzrecht, auf Iren, die das Gesellschaftsrecht, und auf Italiener, die das Wettbewerbsrecht reformierten. Von Abstimmung, gar Harmonisierung, war nicht die Rede." Neuerdings will die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) ein Programm entwickeln, das diese Aktivitäten koordiniert.

In Georgien hat es Rolf Knieper einfacher. Hier treffen er und seine Kollegen praktisch auf keine anderen Rechtsberater. Ihre Arbeit wird von verschiedenen Institutionen des Bundes finanziert, die Ausführung hat die GTZ übernommen. Den Vorwurf, den zu gerne Amerikaner erheben, die deutschen Rechtsberater betrieben schieren Rechtsimperialismus und oktroyierten ihre Rechtsvorstellungen, um der deutschen Wirtschaft die Tür zu öffnen, begegnet Rolf Knieper: Für die GUS-Länder sei es sinnvoller, sich an europäischen Rechtstraditionen zu orientieren als an angloamerikanischen. "Es läßt sich nicht übersehen", sagt er, "daß die meisten GUS-Staaten traditionell auf den kontinental-europäischen Rechtskreis ausgerichtet waren."

Das gilt nicht nur für die Zaren: Auch das Zivilgesetzbuch Lenins und selbst noch das Breschnjews ist in Struktur und Methode deutlich an schweizerischen und deutschen Vorbildern orientiert. Von der Mongolei bis Georgien gebe es mehr oder weniger verbindliche Regierungsbeschlüsse zur Integration ins europäische Recht, sagt Knieper. Das verstehe sich für Staaten, die in die Europäische Union wollen, von selbst.

Um jeden Anschein einer einseitigen Bevormundung zu vermeiden, hat Knieper seinen georgischen Kollegen empfohlen, die fertige Version wichtiger Texte international vorzustellen. Das ist Anfang Dezember 1995 für das Gesellschaftsrecht und das Zivilgesetzbuch geschehen: In Holland hat eine Konferenz stattgefunden, auf der die georgischen Entwürfe diskutiert wurden.