Regierende, die innenpolitisch einen Scherbenhaufen angerichtet haben, lieben es, in Wahlkämpfen die nationale Karte auszureizen, um die Opposition klein und sich selbst an der Macht zu halten.

Das klassische Beispiel dafür sind die Reichstagswahlen von 1907, bekannt unter dem Namen "Hottentottenwahlen". Damals nutzte der deutsche Reichskanzler Bernhard von Bülow die Weigerung des Zentrums und der Sozialdemokratie, der kaiserlichen Regierung weiterhin Mittel für ihren barbarischen Kolonialkrieg in Südwestafrika gegen die aufständischen Herero und Nama (in Deutschland als "Hottentotten" bezeichnet) zu bewilligen, um den Reichstag aufzulösen und eine beispiellose chauvinistische Kampagne zu entfesseln. Rosa Luxemburg, die Wortführerin der SPD-Linken, sprach von einer "geistigen Pogromatmosphäre", die das politische Klima im Kaiserreich vergiftet habe.

Wie zutreffend dieses Urteil war, belegt jetzt Frank Mergenthal in einer regionalen Fallstudie über die "Hottentottenwahlen".

Detailliert wird darin beschrieben, welche Parteien und Verbände sich beteiligten, welcher Methoden sie sich bedienten und mit welchen Feindbildern sie operierten. Auch in den zwölf Reichstagswahlkreisen des Regierungsbezirks Düsseldorf entwickelte sich der Wahlkampf zu einer Schlammschlacht, wobei besonders der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie seinem Spitznamen "Reichslügenverband" alle Ehre machte. So behauptete er unter anderem, die SPD ließe sich ihre Parteikasse von Kapitalisten füllen. In Wirklichkeit verhielt es sich genau umgekehrt: Die mächtigen Industriebarone an Rhein und Ruhr unterstützten die "nationalen" Parteien und Agitationsverbände mit namhaften Geldsummen.

Der Erfolg blieb nicht aus: Bei einer Rekordwahlbeteiligung von 84,7 Prozent büßte die SPD zwar kaum Stimmenanteil, dafür aber fast die Hälfte ihrer Reichstagsmandate ein. Auch im Regierungsbezirk Düsseldorf unterlag sie in zwei der bislang sicheren drei Wahlkreise des Bergischen Landes. Bülow konnte seinen "Block" bilden - ein Bündnis der konservativen Parteien mit den Nationalliberalen (unter Einbeziehung der Linksliberalen), das an das alte Bismarcksche Sammlungskartell anknüpfte.

Zu Recht hebt der Autor die Langzeitwirkungen der "Hottentottenwahlen" für die politische Kultur des Kaiserreichs hervor. Die aufgestachelten nationalistischen Leidenschaften ließen sich nicht wieder dämpfen die Freund-Feind-Polarisierung bestimmte das Verhältnis zwischen den Parteien und ihren jeweiligen Milieus - eine Ursache der innenpolitischen Selbstblockade des Kaiserreichs.

Frank Mergenthal: