Als Lise Meitner 1953 an den "lieben Otto" schrieb, da hatte sie "etwas Persönliches" auf dem Herzen, "das mich bedrückt": In einem Bericht der Max-Planck-Gesellschaft wurde sie lediglich als "langjährige Mitarbeiterin" des Präsidenten Otto Hahn aufgeführt.

Dazu schrieb sie: "Ich bin im Jahre 1917 vom Verwaltungsrat des K.W.I. für Chemie offiziell mit der Einrichtung der Physikalischen Abteilung betraut worden und habe sie 21 Jahre geleitet. Versuche Dich einmal in meine Lage hineinzudenken! Soll mir nach den letzten 15 Jahren, die ich keinem guten Freund durchlebt zu haben wünsche, auch noch meine wissenschaftliche Vergangenheit genommen werden?

Ist das fair? Und warum geschieht es?"

Eine Antwort auf diese Fragen hat sie nie bekommen. Doch nicht nur der Entdecker der Kernspaltung tat sich mit einer Antwort schwer, auch die wissenschaftshistorische Forschung ging ihnen lange Zeit aus dem Weg. Das Lebenswerk und die Biographie von Lise Meitner stehen bis heute oft allzustark im Schatten von Otto Hahn, dem vielgepriesenen "Vater des Atomzeitalters".

Nun versucht die Biographie der amerikanischen Wissenschaftshistorikerin und Chemikerin Ruth Lewin Sime Antworten auf Meitners verzweifelte Fragen zu finden ("Lise Meitner. A Life in Physics" University of California Press, Berkeley 1996). Sime stützt sich dabei auf langjährige und umfangreiche Archivstudien und veröffentlicht viele bislang unzugängliche Briefe und Dokumente. So zeigt sie überzeugend, daß Otto Hahn ein hohes Maß an Verantwortung trägt, indem er - zunächst als Selbstschutz in der Nazizeit und gegenüber seinen Physikerkollegen - die Rolle von Lise Meitner in der Entdeckungsgeschichte weitgehend ungenannt ließ und den interdisziplinären Charakter der Entdeckung nicht anerkennen wollte.

Im Dezember 1938 konnte Otto Hahn gemeinsam mit Fritz Straßmann nachweisen, daß beim Beschuß von Uran mit Neutronen anscheinend nicht die erwarteten Transurane, sondern Elemente mit sehr viel geringerem Atomgewicht entstanden und folglich eine Spaltung des Urankerns erfolgt sein mußte. Otto Hahn wurde für diese Meisterleistung chemischer Analytik mit dem Chemienobelpreis des Jahres 1944 geehrt.

Unberücksichtigt blieben der Beitrag von Fritz Straßmann und der von Lise Meitner. Sie hatte Mitte der dreißiger Jahre den Anstoß und das Konzept für die Transuran-Experimente geliefert und sich daran lange maßgeblich beteiligt. Lise Meitner habe ihre Arbeitsgruppe immer "intellektuell geführt", meinte Fritz Straßmann später.

Doch im Juli 1938 mußte sie aus Nazideutschland wegen ihrer jüdischen Herkunft fliehen.

Allerdings blieben die Physikerin Meitner und der Chemiker Hahn weiterhin in intensivem Briefkontakt. So informierte Otto Hahn seine Kollegin minutiös über den Fortgang ihrer Experimente. Am 19. Dezember, kurz vor der entscheidenden Veröffentlichung, schrieb er etwa nach Schweden: "Immer mehr kommen wir zu dem schrecklichen Schluß: unsere Ra-(Radium-)Isotope verhalten sich nicht wie Ra, sondern wie Ba(rium) . . . Ich habe mit Straßmann verabredet, daß wir vorerst nur Dir dies sagen wollen. Vielleicht kannst Du irgendeine phantastische Erklärung vorschlagen. Wir wissen dabei selbst, daß es eigentlich nicht in Ba zerplatzen kann."

Zusammen mit ihrem Neffen Otto Robert Frisch lieferte Lise Meitner dazu in den Neujahrstagen 1938/39 die erste physikalische Deutung des Kernspaltungsvorgangs, wobei sie auch schon auf die großen Energiebeträge hinwiesen, die bei einem solchen Prozeß freigesetzt werden. Das war der Ausgangspunkt für jene Entwicklungen, die zur militärischen wie friedlichen Nutzung der Atomenergie hinführten.

Otto Hahn wollte dagegen später nichts mehr davon wissen, die Entdeckung als letzte Krönung der jahrelangen Zusammenarbeit anzusehen.

Nach seinem Verständnis handelte es sich bei dem Nachweis der ersten Kernspaltung um eine rein chemische Arbeit - deren Ruhm damit verdientermaßen ihm allein zufiel.

Streng wissenschaftlich mag dies sogar korrekt gewesen sein - menschlich fair war es jedoch kaum. Hier hat es Otto Hahn nach Meinung von Ruth Sime eindeutig an Solidarität fehlen lassen.

Dies wiegt um so schwerer, als Lise Meitner im Ersten Weltkrieg das Gegenteil demonstrierte. Damals führte die Zusammenarbeit beider Forscher zur Entdeckung eines neuen chemischen Elementes, des Protactiniums. Allerdings führte Lise Meitner den Großteil der Versuche alleine durch, da Hahn mehr im Felde als im Labor stand. Dennoch stellte Meitner seine Ansprüche als Mitentdecker nie in Frage.

Der Entdecker der Kernspaltung wurde dagegen nicht nur alleine mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, sondern nach dem Zweiten Weltkrieg mit Ehrungen, Anerkennungen und Ämtern geradezu überschüttet.

Sie galten nicht nur Hahns Forschungsarbeiten, sondern auch seinem mutigen und untadeligen Verhalten im "Dritten Reich". So wurde Otto Hahn zu einer Ikone deutscher Wissenschaftsgeschichte stilisiert und zugleich seine Sichtweise der Entdeckungsgeschichte der Kernspaltung festgeschrieben.

Lise Meitner dagegen fand nach ihrer Emigration nie wieder wirklichen Anschluß an die community. Zwar wurde sie 1945 in die USA zu Vorträgen und Empfängen eingeladen, als "Frau des Jahres" geehrt und im Überschwang von der amerikanischen Presse sogar als "jüdische Mutter der Atombombe" bezeichnet. Doch das war für sie oft mehr Rummel als Ehrung. Was ihr dagegen fehlte, war Anerkennung aus dem Land, aus dem man sie vertrieben hatte. Dabei war es nicht so sehr der entgangene Nobelpreis, der sie kränkte. Diesen hat sie Hahn nie mißgönnt, und er war für sie "in keiner Weise eine offene Wunde", wie sie in einem Brief an James Franck 1955 bekundete.

Schmerzlich war dagegen, daß sie immer nur als "Mitarbeiterin" Otto Hahns genannt und damit als zweitrangig diskriminiert wurde.

Auf eine deutliche Erwähnung ihrer Rolle in der Entdeckungsgeschichte der Kernspaltung - nicht zuletzt durch den gefeierten Otto Hahn - wartete sie vergeblich. Dazu kamen die Demütigungen des Exils, wo sie sich "einsam" und wie "in der Wüste" fühlte. Verständlicherweise erwartete sie Erklärungen, ja Entschuldigungen auch von anderen ehemaligen Kollegen und Zeitgenossen für das, was ihr ganz persönlich durch die Vertreibung angetan worden war. Statt dessen traf sie auf Rechtfertigung, Verdrängung und Larmoyanz, geistige wie persönliche Unehrlichkeit - Haltungen, die ihr nicht akzeptabel erschienen, "gemessen an dem, was geschehen ist", wie sie im Herbst 1945 bitter an Max von Laue schrieb.

Insgesamt beschreibt Ruth Sime die Forschungen von Hahn und Meitner mit hoher Sachkenntnis und einer ausgeprägten Liebe zum Detail - auch wenn sie hin und wieder manches vereinfacht und allzu einseitige Urteile über Wissenschaftler in der NS-Zeit (zum Beispiel über Werner Heisenberg) fällt. Überzeugend ist jedoch sowohl die Schilderung der wissenschaftlichen Zusammenhänge als auch der Verhältnisse, in denen Lise Meitner in Berlin gelebt hat. Dabei werden an einigen Stellen hohe Ansprüche an das naturwissenschaftliche Grundwissen des Lesers gestellt. Dafür liefert Sime aber auch die bislang umfangreichste und fundierteste Biographie von Lise Meitner und einen kenntnisreichen Überblick zur Pionierzeit kernphysikalischer Forschungen.

Die Beschreibung der Berliner Jahre von Lise Meitner machen zudem deutlich, daß ihre Lebensgeschichte nicht einfach dazu herhalten kann, sie als Opfer und Gegenstand von gesellschaftlicher Repression zu sehen. Das würde den Blick dafür verstellen, daß es in ihrem Leben auch viel Glück, Erfolg und Freundschaft gab - nicht zuletzt die zu Otto Hahn, die sie trotz aller Spannung nie in Frage stellen wollte.

Dieter Hoffmann arbeitet am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin