Superlative sind in der Kunst immer ein mißliches Mittel, jemanden zu feiern - oder zu betrauern, so wie Ella Fitzgerald , die amerikanische Jazzsängerin, die am Sonnabend in Beverly Hills gestorben ist. Vermutlich aber würden nicht einmal die ihr Ebenbürtigen - wie Sarah Vaughan - Einspruch dagegen erheben, sie die Größte unter ihresgleichen zu nennen. Wem sind überall auf der Erde die Herzen so zugeflogen wie ihr? Sie war einzigartig.

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Ella Fitzgerald

Ihre Größe war, natürlich, ihr Gesang, war der sichere, vergnügte, leidenschaftliche Gebrauch ihrer Stimme. Dieses Espressivo, das die ganze Person erfaßte! Diese musikalische Fertigkeit, die ihr all die kleinen Eigenwilligkeiten des Gesanges erlaubte! Diese Geistesgegenwart bei ihren herzhaften, oft überraschenden Improvisationen - und diese reichhaltige Skala ihres Ausdrucks!

Schon übergeht man, daß ihre schöne, volle, helle Stimme über nahezu drei Oktaven reichte. Die klang in den oberen Lagen naiv, fröhlich, auch ein wenig kindlich, in den mittleren warm und kräftig, in der Tiefe war sie rund und sanft, samten. Ella Fitzgerald konnte bärbeißig krächzen, konnte kichern und kieksen, gackern, krähen und plappern; mitunter entrangen sich ihr wunderbare Schreie. Sie hatte ein angenehmes, unaufgeregtes, sparsam verwendetes Vibrato.

Wen wundert es, daß alles dies sich am übermütigsten im Scat entfaltete, im Gesang originell klingender, sinnloser Silben und Vokale, dem dann auch der Wechsel vom kommerziell ausgelaugten Swing zum emanzipierten, freier improvisierenden "modernen" Bebop-Jazz zugute kam. Nein, erfunden hatte sie den Scat nicht, aber sie hat ihn, spontan, schon früh für sich gefunden, und niemand hat ihn je so einfallsreich, so gewandt und so keß jubilieren lassen wie sie - nicht zuletzt deswegen, weil sie so virtuos sang. Diese Oktavsprünge! Diese spannungsreichen, schwingenden Melismen! Diese gehauchten Glissandi und die manchmal bewußt ein wenig zu spät oder zu früh (und überaus sicher) intonierten Töne! Wie könnte man es da unterlassen, von ihrer Natürlichkeit, ihrem Esprit zu sprechen.

Ella Fitzgeralds Karriere hatte, wie so oft in diesem Metier, etwas Märchenhaftes: der Vater kurz nach ihrer Geburt auf und davon, die Mutter lieb, das Leben ärmlich, mit knapp sechzehn beim Talentwettbewerb in Harlem, rasch ein erster Preis, bald viele erste Preise und endlich, endlich aufgenommen in das Orchester des Schlagzeugers Chick Webb. Schon kamen die erste Schallplatte, der erste Hit, "Mr. Paganini". Da war das 1918 geborene, sich zeitlebens immer ein wenig mißtrauende Mädchen gerade siebzehn Jahre alt.

Und dann ging es nur noch und sehr schnell aufwärts in den Weltruhm. Sie musizierte mit so gut wie allen Meistern des Jazz, in allen Formationen, mit Big Bands (Count Basie, Duke Ellington), mit Trios (Tommy Flanagan, Oscar Peterson), im Duo (mit dem Gitarristen Joe Pass), und bald zählte sie zu den Stammgästen in Norman Granz' Konzertreihe "Jazz At The Philharmonic", die sie in die weite Welt trug. Sie war große Stimme und eine leise Kammersängerin und beides mit der gleichen Intensität, der gleichen Ausgelassenheit, dem gleichen Vergnügen, der gleichen Distinktion. Nicht zuletzt erfüllte sie (in ihren "Song Books") Pflichten als Interpretin aller Meister der Unterhaltungsmusik: Irving Berlin, George Gershwin, Jerome Kern, Cole Porter.

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Plattencover Ella Fitzgerald - Best of the Songbooks

Sie fürchtete schlechte Kritiken und trug schwer daran; sie freute sich über ein enthusiasmiertes Publikum und plauderte mit ihm. Sie war eine stattliche Frau mit ladyhaften und noch im Alter auch mit mädchenhaften Zügen; sie hatte ein schönes Gesicht, darin helle, warme Augen. Einmal mußte sie um ihr Augenlicht fürchten; es blieb gottlob bei einer Brille. 1993 jedoch mußten der Zuckerkranken beide Beine amputiert werden.

Doch, doch, sie war die größte in ihrem Metier. Wie schön, daß ihr Gesang bei uns auf Erden bleibt.