Über neunzig Prozent des versteuerten Einkommens ist Arbeitseinkommen. Die Steuer wird dabei gegenwärtig auf den Überschuß - die Einnahmen abzüglich derjenigen Ausgaben, die für den Erwerb des Einkommens notwendig sind - ermittelt. Das kann grundsätzlich so bleiben. Allerdings muß eine Vielzahl verzerrender Lenkungsnormen und willkürlicher Steuerbefreiungen beseitigt werden.

Doch es muß vor allem der eigentlich kranke Bereich eliminiert werden, und das ist die Besteuerung von Kapitaleinkommen, die vom Gesetz dem Arbeitseinkommen steuerlich gleichgestellt werden. Doch diese rechtliche Gleichsetzung beruht auf einem Denkfehler. Das Kapitaleinkommen verdankt seine Entstehung nämlich der Tatsache, daß vorher Ersparnis aus bereits versteuertem Einkommen gebildet wurde. Werden dann aber auch noch die Erträge aus der Ersparnis besteuert, ziehen viele Bürger daraus die Konsequenz und sparen nicht mehr. Das verfügbare Einkommen fließt dann unmittelbar in den Konsum, und die volkswirtschaftlich notwendige Kapitalbildung unterbleibt. Dies hat aber zur Folge, daß auch die Löhne nicht steigen können, weil die Produktivität ohne verstärkten Kapitaleinsatz zurückbleibt.

Die Schlußfolgerung kann also nur lauten: Die Ersparnis beziehungsweise ihr Gegenstück, die Investitionen, sollten nicht versteuert werden. Es wäre aber zu kompliziert, alle investierten oder gesparten Beträge vom zu versteuernden Einkommen abzuziehen und anschließend zu kontrollieren, ob sie tatsächlich gespart werden. Deshalb sollte man einen einfacheren Weg gehen und die Erträge des Gesparten steuerfrei stellen. Rechnerisch ist das Ergebnis dasselbe, das Verfahren ist aber wesentlich einfacher.

Der Arbeitskreis Konsumorientierte Neuordnung des Steuersystems (KNS) empfiehlt deshalb, Zinserträge nicht der Einkommensteuer zu unterwerfen. Auf Unternehmensebene wäre eine gesetzlich festzulegende kalkulatorische Normalverzinsung des eingesetzten Eigenkapitals von der Steuer zu befreien. Die positiven Effekte wären unter anderem, daß sich die Kapitalkosten für Investitionen verringern und die Ersparnis für die eigene Altersversorgung nicht steuerlich belastet wird. Der zu erwartende vorübergehende Steuerausfall wird schon sehr bald durch zusätzliches Wirtschaftswachstum mehr als ausgeglichen. Die Konzeption wurde in Kroatien auf Empfehlung des Arbeitskreises nahezu vollständig verwirklicht und hat ihre Funktionsfähigkeit erwiesen.

Demgegenüber hat die vom Bundesfinanzministerium eingesetzte Bareis-Kommission einen teilweise inkonsequenten Weg eingeschlagen. Richtig ist das Ziel, Lenkungsnormen, Steuerbefreiungen und Steuerermäßigungen abzuschaffen. Außerdem sollten Veräußerungsgewinne nicht grundsätzlich steuerfrei bleiben. Letzteres ist dafür verantwortlich, daß Wohnraum in Deutschland besonders teuer ist, weil der Markt die Steuervorteile bereits in die Preise einrechnet. Da die Steuervorteile für die Gutverdienenden höher sind, kommt es beim Immobilienerwerb zu einer Klientelbildung, die im Ergebnis Bezieher niedriger Einkommen vom Eigentumserwerb ausschließt. Zudem fehlt das Kapital, das vom Steuersystem in Schlafplätze gelenkt wird, den Investoren zum Schaffen von Arbeitsplätzen. Die Forschungsgruppe unterstützt deshalb ausdrücklich die Vorschläge der Bareis-Kommission, solche Bestimmungen zu streichen.

Die Bareis-Empfehlungen haben aber auch ihre Schwächen:

Erstens: Sie ändern nichts an der verfehlten steuerlichen Gewinnermittlung, die betriebliche Investitionen verzerrt. Die Abschreibungen langlebiger Wirtschaftsgüter orientieren sich in Deutschland an der Handelsbilanz, das bedeutet im Endeffekt: an dem Gläubigerschutz und an der rechtlichen Beleihbarkeit, nicht an der steuerlichen Leistungsfähigkeit. Vom Fiskus belohnt wird nicht, wer investiert, sondern der Bilanzkünstler, der sich auf unproduktive Rückstellungen versteht.