KÖLN. - Rache, dieses unchristliche Phänomen, hat auch segensreiche Seiten. Jedenfalls erleben Fahrgäste der Buslinie 136 dies fast täglich. Die zweieinhalb Kilometer zwischen den Haltestellen Karl-Schwering-Platz und Neumarkt sind die Hausstrecke von Christoph Schwers, dem vermutlich einzigen, in jedem Fall aber erfolgreichsten Fahrgastfischer der Welt. Der 31jährige Industriekaufmann hat sich darauf verlegt, den Verkehrs-Betrieben Kunden vor der Nase, sprich: vor den Fahrkartenautomaten wegzuschnappen. Wie der Rattenfänger von Hameln sammelt er wildfremde Leute ein, die an der Haltestelle ein Ticket ziehen wollen. Sobald diese ihr Kleingeld hervorkramen, spricht er sie an und offeriert ihnen eine kostenlose Mitfahrt. Das Angebot ist ohne Risiko, völlig legal, denn die 77,70 Mark teure Monatskarte, mit der Schwers unterwegs ist, gestattet es dem Besitzer, zu bestimmten Tageszeiten einen weiteren Erwachsenen, drei Kinder, einen Hund und ein Fahrrad mitzunehmen.

Was viele zunächst erstaunt, dann erfreut zur Kenntnis nehmen, wurzelt nicht etwa in dem Bedürfnis, den Mitmenschen Gutes zu tun. Nein, er habe die Verkehrs-Betriebe einfach nur schädigen wollen, bekennt der junge Mann. Anlaß seiner Verärgerung sei eine Geldbuße über dreißig Mark gewesen, die er, der überzeugte Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel, habe zahlen müssen, weil er eine Anschlußfahrkarte irrtümlich falsch entwertet hatte. Die Arroganz, mit der das Unternehmen damals seinen Einspruch vom Tisch fegte, ließ ihn nach Vergeltung sinnen. Für jede einzelne Mark, so sein Plan, wollte er einen zahlungswilligen Kunden zur Mitfahrt einladen.

Doch irgendwie muß das Fahrgastfischen zur Sucht geworden sein.

Aus dreißig Trittbrettfahrern wurden mehr als 2300, eine Marke, die inzwischen uneinholbar im Guinness-Buch der Rekorde prangt.

Gelegentlichen Absagen, meist von betagten Damen ("Ich habe im Leben noch immer alles selber bezahlt"), steht eine wachsende Schar von Stammbegleitern gegenüber.

Bei den Verkehrs-Betrieben knurren sie. Schließlich hätten sie bei den Tarifbestimmungen für die Monatskarte nur Verwandte und Freunde im Sinn gehabt. Und wenn jeder der 36 000 Inhaber von einer ähnlichen Spendierwut gepackt werden sollte, dann . . ., ja dann würden sie die Bestimmungen ändern müssen. Zum fünfjährigen Jubiläum mochten sie Schwers jedenfalls nicht gratulieren - anders als die lokalen Medien, denen seine Ausdauer ein paar Sätze wert war.

Zweimal lief der Rekordhalter zu Höchstform auf: Gleich mit fünf Monatskarten aus dem Bekanntenkreis bewaffnet, pendelte Christoph Schwers jeweils einen ganzen Samstag lang von Endhaltestelle zu Endhaltestelle und lud ein, was einzuladen war allein an diesen Tagen hatte er 400 Begleiter im Schlepptau. Über die Zahl der Abgefischten führt der 31jährige eine Strichliste, in einem Kalender der Verkehrs-Betriebe. Penibel, wie er als Revisor eines Pharma-Unternehmens sein muß, hat er auch gebührenpflichtiges Transportgut seiner Schützlinge vermerkt: zwei Fahrräder, fünf Hunde.