Wer heute auf der Autobahn nach Paris fährt, braust meistens an der Somme vorbei, ohne sich der Gräber bewußt zu werden, an die der Name des Flusses erinnert. Fast auf den Tag genau vor achtzig Jahren, am 1. Juli 1916, begann hier in Nordfrankreich die Sommeschlacht, Engländer und Franzosen stürmten die deutschen Stellungen. Als die Offensive vier Monate später erfolglos aufgegeben wurde, waren etwa eine Million Soldaten gefallen, auf englischer Seite allein 60 000 zu Beginn des great push in den ersten zwölf Stunden.

Vor vier Jahren wurde im nordfranzösischen Péronne eine ungewöhnliche Stätte der Erinnerung an die Sommeschlacht geschaffen, das Historial de la Grande Guerre. Während in den traditionellen Kriegsmuseen von Ypern, Albert-sur-Somme oder Verdun noch immer ein eher patriotischer und martialischer Geist beschworen wird, will das Historial Hintergründe, Zusammenhänge und Abläufe des Ersten Weltkrieges in ihrer Vielschichtigkeit verständlich machen ohne jegliche nationale Vorurteile.

"Historische Objektivität ist unser größtes Anliegen", sagt Dominique Frère, Geschäftsführer des Historial. "Wir verstehen den Ersten Weltkrieg als ein gesamteuropäisches Phänomen." Zum äußeren Zeichen dieses Geistes weht über dem Museum neben der Trikolore und dem Union Jack die deutsche Fahne. Alle Exponate sind dreisprachig beschriftet. "Es hat gegen dieses Konzept Widerstand gegeben", sagt Monsieur Frère, "aber wir konnten uns durchsetzen."

Das moderne Museum wurde in einen historisch-symbolischen Ort integriert, die alte Burg von Péronne. Man betritt es durch die Burgmauer, eingestimmt durch einen französischen Grenadier, den poilu, am Eingang. Große Fenster sorgen für Licht und Transparenz.

Das Historial ist konzipiert als Museum für vergleichende Kulturgeschichte.

Es ermöglicht eine gleichsam parallele internationale Betrachtung aller wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen und politischen Faktoren vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die zwanziger Jahre: In der untersten Ebene vermitteln die Vitrinen ein Bild der englischen Entwicklung, in der mittleren Etage zeigen sie französische Objekte und in der oberen die deutschen. Das Auge des Betrachters wandert zwischen den kriegführenden Nationen.

Fünf Säle dokumentieren die vielschichtige Wirklichkeit des Krieges, beginnend im ersten mit den diplomatischen Spannungen der Vorkriegszeit.