Ross Terrill: "Die Tore der Hölle öffneten sich weit", ZEIT Nr. 223 Auffällig an Berichten über Kannibalismus ist immer wieder, daß sie mit Stereotypen arbeiten. Menschliche Gliedmaßen, die zum Verzehr nach Hause getragen werden, das öffentliche Zerlegen von Leichen und Wehrlosigkeit und Fügsamkeit der Opfer finden sich in vielen Beschreibungen. "Die Töpfe mit Menschenfleisch brodelten vor lokalen Regierungsstellen" - wer denkt da nicht an vergleichbare Bilder aus dem Roman "Robinson Crusoe"?

Zudem sind die Berichterstatter sehr unpräzise, der Artikel von Ross Terrill bildet da keine Ausnahme. Wie viele Frauen Zou mit Sohn und ohne Mann mag es 1967 wohl in Shilong gegeben haben?

Wo genau in dem Ort fand das Verbrechen statt, wer war beteiligt?

Wer war der Milizmann - Polizist, Soldat oder Kulturrevolutionär -, und waren diese üblicherweise mit Speeren (mit Widerhaken) bewaffnet? Pauschale Behauptungen wie "Hunderte Klassenfeinde wurden verzehrt. Tausende waren daran beteiligt" sind nicht sachlich, sondern schüren Ängste, Vorurteile und Emotionen.

Berichte über Kannibalismus halten einer kritischen Untersuchung oft nicht stand, sie erweisen sich als Mittel zum Zweck mit dem Ziel, eine Gruppe von Menschen - die anders sind als wir - auszugrenzen, zu diffamieren und ein Vorgehen gegen diese zu rechtfertigen.

Ross Terrill hat es meines Erachtens versäumt, das Buch von Zheng Yi auf seine Glaubwürdigkeit hin zu hinterfragen.

Dr. Frauke Rheingans, Remagen