Es gibt Ideen, die so vielseitig sind, daß sie ihren Glanz um so mehr entfalten, je länger man sie betrachtet. Im Jahr 1978 hatten der Schriftsteller Julio Cortázar und seine Liebesgefährtin Carol Dunlop so eine glänzende Idee so kindlich wie von Italo Calvino, so soziologisch interessant wie von Pierre Bourdieu, so tiefsinnig wie von einem Philosophen.

Das Paar beschloß, eine Entdeckungsreise zu unternehmen, eine richtige romantische Expedition, geboren aus dem Geist der Verheißung, angesiedelt und ausgeführt in der Erbfolge großer Entdecker: Kolumbus, Magellan, Marco Polo. Kein Vergleich war den modernen Schelmen und sympathischen Selbstironikern Cortázar/Dunlop zu groß und zu gewagt für ihre bizarre Unternehmung. Denn die beiden machten sich auf, nicht um ein zweites Amerika oder ein neues Patagonien, sondern um ein Gelände zu erforschen, das vor Banalität und Geheimnislosigkeit nur so strotzt: die Autobahn.

Ein Gelände, das dem Geist der Verheißung komplett entgegengesetzt und aus dem Geist verschiedener Realitätsprinzipien wie Effizienz und Schnelligkeit geboren zu sein scheint: vier mausgraue Fahrspuren, zwei hinwärts, zwei rückwärts, Mittelstreifen, Seitenstreifen, Rastplätze, Schlangen rasender Blechdosen mit blickstarren Lenkradhaltern darin - das ist die Autobahn. Das einzig Schräge, das sie vermeintlich aufzubieten hat, ist die Größenparanoia vieler Benutzer, die schwören, bei 220 Sachen und bei Mindestabstand zum Vordermann die Situation im Griff zu haben und meilenweit vom Autobahntod entfernt zu sein.

Was nun haben zwei Schriftsteller auf diesem Gelände zu suchen und in Gottes Namen zu entdecken? Julio Cortázar und Carol Dunlop machen sich verrückterweise ausgerechnet auf der Autobahn an die Entdeckung der Langsamkeit, denn ihre Idee hatte folgende Regeln:

Am Sonntag, dem 23. Mai 1982, brachen sie um 14.12 Uhr in Paris auf, um genau einen Monat lang auf der Autobahn zwischen Paris und Marseille zu leben, ja, zu leben!, und in dieser Zeit die Strecke zwischen den beiden Städten zurückzulegen. Täglich fuhren sie auf zwei Rastplätze, auf den einen meist zur Mittagszeit, auf den anderen zum Übernachten. Auf insgesamt siebzig Rastplätzen führten sie ihre "wissenschaftlichen Erkundungen" durch. Unternommen wurde die in präzise Etappen aufgeteilte Fahrt mit einem campingkomfortabel ausgerüsteten VW-Bus namens Fafnir. (So heißt der Drache, der den Nibelungenschatz bewacht.) Einige Male kamen Freunde aus dem Norden nach- oder aus dem Süden entgegengefahren, um auf vereinbarten Rastplätzen frische Lebensmittel auszuhändigen. Denn aus der Geschichte der großen Entdeckungsreisen wußten die Autobahnler Cortázar und Dunlop um die Bedrohung ihrer Sache durch Skorbut. Ansonsten ernährten sie sich aus Konserven oder von dem, was das Motel- und Rasthauswesen hergab.

Die wichtigste Regel aber lautete: Über all ihre Autobahnerlebnisse, Autobahnerfahrungen und Autobahntage schrieben die zwei Expeditionsteilnehmer einen minutiösen Expeditionsbericht. Ein genrekorrektes "Bordbuch", das sich beispielsweise so liest:

"Sonntag. 6. Juni

Frühstück: Orangensaft, Butterbrot, Croissants, Aprikosenmarmelade, Johannisbeergelee, Kaffee (im Motel).

10.30 h. 35 C.

10.45 h. Wir kehren dem Komfort des Motels den Rücken.

11.05 h. Abfahrt.

11.07 h. Departement Sa'ne-et-Loire.

11.15 h. Rastplatz: AIRE DE LE CURNEY.

Ausrichtung Fafnirs: OSO.

Mittagessen: Corned beef, Tomaten, Zwiebeln. Morvan-Käse. Kaffee.

19.19 h. 40 C. Abfahrt-

19.32 h. Rastplatz: AIRE DE LA FERTE:

Ausrichtung Fafnirs: SSW.

Abendessen: Schweinefleisch in süßsaurer Soße, Käse, Kaffee."

Natürlich steckt in diesen Protokollen eine literarische Parodie auf die Tag-für-Tag-, auf die Klima-, Stimmungs-, und Lebensmittelchroniken, wie sie die großen Entdecker dieser Welt hinterließen. Allerdings brachten diese in ihren Kladden nicht einen Bruchteil der phantastischen, philosophisch verspielten Prosa unter, die aus dem Autobahnbuch von Julio Cortázar und Carol Dunlop am Ende einen unorthodoxen, leicht verdrehten Liebesroman werden läßt. Es ist das "Logbuch" einer Hochzeitsreise, die allerdings nicht den Auftakt, sondern den Ausklang des gemeinsamen Lebens dieses leidenschaftlichen Paares markiert. Reise und Reisebuch sind die letzten Gemeinschaftswerke.

Carol Dunlop starb Ende 1982 an Leukämie, Julio Cortázar nur ein Jahr später an derselben Krankheit. Die Abwehr der Krankheit - die Abwehr der "Dämonen", wie Cortázar die Mühsal dieser Zeit diskret nennt - war der Grund, weshalb sich die Ausführung der glänzenden Idee immer wieder, von 1978 bis 1982, verschob. Als das Paar sich schließlich, mit allen Anzeichen der Gutgelauntheit, auf die Autobahn begibt, weiß es um den körperlichen Zustand von Carol Dunlop.

Die letzte gemeinsame Fahrt ist in zweifacher Hinsicht ein Akt des Widerstandes kein zorniger, sondern ein zärtlicher Widerstand, wie überhaupt Zärtlichkeit den Ton des ganzen Buches bestimmt.

Es ist, vierhändig, auf zwei Reiseschreibmaschinen verfaßt, ein inniger Wechselgesang zwischen dem "Wolf" und dem "Bärchen", so heißen Julio und Carol mit ihren Kosenamen. Die Themen ihres amourösen Antiphons pflücken sie am Rand der Autobahn, aber ihre Sprache ist die der Liebe, und viele Formulierungen und Sentenzen erinnern an Märchen. Der Wolf und das Bärchen verlassen im Jahr 1982 ihre Höhle, in die sie sich, von der Krankheit angeschlagen, zurückgezogen hatten. Wenn der Tod schon vor der Tür steht, so scheinen sich die "Autonauten" zu sagen, dann soll er uns nicht schachmatt auf dem Krankenbett antreffen, sondern bei einer Verrücktheit im VW-Bus und unterwegs.

Der andere Widerstandsakt wendet sich gegen den Kult der Beschleunigung und gegen ein Symptom der Moderne, die Zeitvernichtung. Ihr architektonisches Emblem ist die Autobahn. Indem Cortázar und Dunlop sich ausgerechnet dorthin begeben, um ausgerechnet urlaubshafte Zeitgewinnung zu betreiben, machen sie aus ihrer Expedition auch ein Experiment: Wie groß, so lautet die Ausgangsfrage des Experiments, sind die romantischen Reserven der äußerlich absolut unromantischen Autobahn?

Kann man auf Rastplätzen ein euphorisches Liebesleben führen?

(Man kann. Julio Cortázar und Carol Dunlop bewiesen und beschrieben es diskret.) Kann man im Zentrum der Moderne ein freundlich anachronistisches Leben führen, als befände man sich an einer unberührten Peripherie?

Ausgestattet mit Campingutensilien der fünfziger und sechziger Jahre, der Pionierzeit des Reisens.

Hinter diesen Fragen steckt ein kritischer Kulturoptimismus, dessen Haltung jede Zeile des Buches atmet, denn dieses ist auch ein Versuch, einen zum Mythos versteinerten Zivilisationspessimismus zu erweichen. An den Säumen der Autobahn, mithin den allegorischen Rändern der technischen Moderne, hält das Paar Siestas unter schattigen Bäumen und in arkadischen Winkeln. Bei allem lassen sie sich Zeit. Manchmal fahren Cortázar und Dunlop nur ein halbes Stündchen von einem Halt zum nächsten, um dort ihre Mahlzeiten aufzudecken, die Schreibmaschinen aufzubauen und das Fahrtenbuch voranzuschreiben. Das Buch ist das imaginäre Gefährt der Reise, so wie Fafnir das technische ist.

Nicht Sensationen, nicht Staus, Massenkarambolagen oder fetzige Überholmanöver sind der Stoff dieses Autobahnbuches, sondern im Gegenteil das Antisensationelle, das fast Unsichtbare, das fast Ereignislose, vor allem aber: die kleinen Geheimnisse in den Falten einer asphaltgrauen Realität. Kein Ding ist zu schmal, keine Wahrnehmung zu unwichtig, um nicht Gegenstand einer funkensprühenden Prosaskizze zu werden. Einmal trifft Carol Dunlop auf einer Damentoilette ein ratloses kleines Mädchen, das höflich fragt: "Wissen Sie, wie man Pipi macht, Madame?"

Zwischen Julio Cortázar und einem Fernfahrer ergibt sich ein privater Dialog in spanischer Sprache. Auf dem Rastplatz von Chères findet sich an einer gekachelten Wand im Freien ein Wasserhahn mit Ablauf darunter, geeignet auch für die Hundespeisung und mit dem herrlichen Namen "TOU-TOU BAR". Im Lauf der Lektüre lernt der Leser auch, die Textstücke Julio Cortázars, der das Buch nach dem Tod Carol Dunlops allein zusammenstellte, von ihrer Prosa zu unterscheiden, wo die Autorschaft sich nicht aus dem Text selbst ergibt. Cortázar ist, wie gewohnt, großer Phantast und Realitätsübertreiber, Gedankenspieler, Gedankenspinner, Liebhaber des Exkurses. Cortázar schreibt, wie ein frei improvisierender Musikant spielt. Carol Dunlop kann märchenhaft erzählen und ist mitunter der theoretischere Kopf.

Viel Aufmerksamkeit widmen die Entdeckungsschriftsteller der Fauna und Flora längs der Autobahn. Julio Cortázar ist von einer Raupe besonders angetan und erhebt sie in einem Prosastück zum Wappentier der Gemächlichkeit. Eines Tages und, was noch schlimmer ist, eines Nachts wird das Paar von den Kohorten einer Ameisenarmee überfallen, die Tier um Tier im Innenraum des VW-Busses Fafnir abgewehrt und erledigt werden muß. Bei der nächtlichen Ameisenschlacht erweist sich Julio Cortázar als gesunder Tiefschläfer und Carol Dunlop als geistesgegenwärtige Kämpferin. Aber nicht nur Ruhe, Besinnlichkeit und Natur finden die Autobahnforscher in der Höhle des Löwen Moderne.

Sie finden erstaunlicherweise, mitten im öffentlichen Raum, auch jene Intimität und Geschütztheit, die das erotische Leben benötigt.

Fafnirs Fenster lassen sich mit Vorhängen vor Blicken schützen, die Liebe schirmt die Nerven vor den Autogeräuschen ab, und die Lichter von Scheinwerfern, die in Fafnir hineinblitzen, verwandeln sich in Sterne, die auf die Liebenden herunterfallen.

Julio Cortázar/Carol Dunlop:

Die Autonauten auf der Kosmobahn

oder Eine zeitlose Reise zwischen Paris

und Marseille

Aus dem Spanischen von Wilfried Böhringer Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996 360 S., Abb., 39,80 DM