Nach dem Gipfel in Florenz mündete der absurde Rinderkrieg in die verkrampften Versuche der britischen Regierung, sich als Sieger vorzustellen. Zu Recht fürchtet John Major den Zorn des Fleet-Street-Mobs: Nach einer orgiastischen Verschwörung nationaler Leidenschaften verlangten englische Presse und Euro-Skeptiker nichts weniger als einen Triumph. "Major kriecht zu Kreuze", lautete das erste Verdikt des Massenblattes Sun, das eine populistische Meinungsführerschaft in Sachen nationales Interesse besitzt. Zum Glück für den Premier ist Erfolg auf dem Fußballfeld zur Zeit wichtiger. "Let's Blitz Fritz" (Haut die Deutschen weg! Sun) hat Priorität.

Was die BSE-Krise selbst betrifft, wissen die meisten britischen Journalisten (und mit ihnen Politiker und Wissenschaftler), daß die eigene Regierung eklatant versagt und letztlich selbst den ökonomischen Interessen enormen Schaden zugefügt hat, denen all die Jahre ihr Hauptaugenmerk galt. Nur schlichte Gemüter ließen sich vom patriotischen Possenspiel täuschen. Um so bedauerlicher, daß sogar kontinentaleuropäische Blätter der Versuchung erlagen, die BSE-Problematik zu simplifizieren, und auf Wissenschaftsseiten einen britisch-europäischen Antagonismus konstruierten, der den Realitäten nicht entspricht.

Immerhin - ein paar seriöse britische Zeitungen, etwa Guardian , Independent und Financial Times , aber auch BBC-Programme wie "Panorama" und "Newsnight" verloren nicht die Übersicht und deckten Versagen und Vertuschungsmanöver der Regierung in Sachen BSE auf. Der Großteil der Presse aber spielte die Scharade des "Cattle of Britain" mit, schürte wochenlang antieuropäische, xenophobische Emotionen. Natürlich steckt dahinter auch die Absicht, der zutiefst unpopulären konservativen Regierung Schützenhilfe zu leisten. Entscheidender aber war für die Zeitungskonzerne ausländischer Besitzer wie Conrad Black und Rupert Murdoch die Chance, ihre eigenen, dezidiert antieuropäischen Ziele zu verfolgen. Eine besonders wichtige Funktion kommt dabei dem Kraut bashing zu.

Die antideutsche Stimmungsmache eignet sich hervorragend, um der europäischen Debatte in Großbritannien den gewünschten Drall zu geben. Das Kalkül ist simpel: je stärker die Angst vor den Deutschen, desto größer die Abneigung der Briten, sich auf das europäische Projekt einzulassen. So wurde denn Helmut Kohl notwendigerweise zur besonderen Zielscheibe der publizistischen Attacken. Mal beschimpft als "Heuchler", dann wieder als "Baumeister deutscher Vorherrschaft über Europa" präsentiert, nimmt der Bundeskanzler unbestritten den Rang des Bösewichts Nummer eins in der Dämonologie konservativer Zeitungen und Politiker ein. Entwaffnend freimütig erklärte der Sunday Times-Kolumnist und Cambridge-Historiker Andrew Roberts, wenn die antideutsche Stimmungsmache der vergangenen Wochen geholfen habe, den Widerstand gegen Europa zu stärken, sei dies "ein höchst willkommener Nebeneffekt". Der deutsche Buhmann wird instrumentalisiert, um die Metamorphose der Tories in eine nationalistische Partei zu beschleunigen; zugleich will man mit seiner Hilfe eine verunsicherte Nation ins antieuropäische Lager treiben.

Die Fertigkeit im Kraut bashing ist das Ergebnis jahrzehntelanger Übung. Noel Cowards ironische Aufforderung: "Don't be beastly to the Hun", man möge mit den Hunnen (den Deutschen) nicht bösartig umspringen, wurde von Journalisten genau so verstanden, wie sie gemeint war. Die Briten zeichnen sich durch die beneidenswerte Fähigkeit aus, Dinge augenzwinkernd, tongue in cheek, von sich zu geben, die sie durchaus ernst meinen. Zugleich besitzt diese Form der Ironie den nicht zu unterschätzenden Vorteil, denjenigen der Humorlosigkeit bezichtigen zu dürfen, der Anstoß nimmt. Immerhin - ein Kolumnist des London Evening Standard schrieb: "Nur weil wir endlos darüber scherzen, wie gefährlich Deutschland ist, heißt das nicht, daß es nicht so ist." Angesichts der jüngsten Welle teilweise bösartiger Karikaturen und Ausfälle in der Massenpresse meldeten sich jetzt Politiker zu Wort, die glauben, der Spaß des Kraut bashing habe akzeptable Grenzen überschritten. Im Unterhaus forderten Labour-Abgeordnete und der Tory-Außenseiter Hugh Dykes den Generalstaatsanwalt auf, wegen "rassistischer Hetze" gegen die Sun Ermittlungen einzuleiten. Dazu dürfte es wohl nicht kommen. Immerhin: Es ist tröstlich, daß es Politiker gibt, die gegen die Vergiftung der britisch-deutschen Beziehungen aufbegehren.

So beunruhigend es ist, wie nationale Vorurteile und Klischees manipulativ verwendet werden - die Wirkung selbst eines stetigen Gebrauchs von Stereotypen auf die nationale Psyche ist nicht automatisch so verheerend, wie man es erwarten sollte. Die achtziger Jahre belegen das. In jener Dekade feierten die Briten zwar die vierzigste Wiederkehr von D-Day (dem Tag der Landung der Alliierten in der Normandie) und VE-Day (dem Tag des Sieges in Europa) mit der gleichen Inbrunst, mit der gleichen obsessiven Neigung, auf glorreiche Kriegszeiten zurückzublicken, wie immer zuvor. Britische Nachkriegsgenerationen waren schließlich aufgewachsen mit den immergleichen Bildern: In Filmen, Fernsehserien, Cartoons und amüsanten TV-Spots tummelten sich tumbe deutsche Unteroffiziere, schmallippige SS-Leute mit schnarrenden Stimmen, humorlose Bürokraten und deutsche Urlauber, die generalstabsmäßig im Morgengrauen die besten Plätze am Strand oder Swimmingpool mit Handtüchern belegen. Wobei das Bild der entschlossen auf ihren Vorteil bedachten deutschen Urlauber belegt, daß Klischees dann besonders wirksam und langlebig sind, wenn sie tatsächliche Verhaltensweisen widerspiegeln.