Ist Deutschland eine Erfindung der Geographie? Rolf Breitenstein wirft - frei nach Fernand Braudel - diese Frage auf, um den historisch-geographischen Rahmenbedingungen der kollektiven Mentalität der Deutschen auf die Spur zu kommen. Das riecht verdächtig nach Geopolitik, aber der Autor weiß die Fallen des Geodeterminismus zu meiden. In ausführlicher, manchmal freilich weitschweifiger Analyse trägt er Daten eines "geopsychologischen" Portraits zusammen, die noch einmal einen instruktiven Überblick über die Verläufe deutscher Geschichte, verspäteter Nationbildung, offener Grenzen und mentaler Unsicherheiten gewähren. Die Zusammenschau objektiver Daten und subjektiver Dispositionen will Breitenstein als Rahmenbedingungen verstanden wissen, an denen sich Politikstile erklären und konzipieren lassen.

Das zielt auf die aktuelle Frage, wie nach der Vereinigung von 1989, die erstmals feste und garantierte Grenzen bewirkte, die nationalen Interessen zu bestimmen sind. Breitenstein trägt dazu wichtige Beobachtungen zusammen. Es sei notwendig, den Multilateralismus der Nachkriegsphase durch die engagierte Pflege bilateraler Nachbarschaftspolitik (Tschechien, Polen, Niederlande) auszubalancieren. Deutschland soll mit den Pfunden wuchern, die ihm unter der Gunst der Umstände zugewachsen sind, ein Land "ohne Koloniallast, ohne Kernwaffenlast und mit fortgeschrittener Umwelttechnologie" zu sein. Und Breitenstein rät dazu, über den Zielen der europäischen Integration das "größere Europa" mit seinen besonderen Herausforderungen nicht zu vergessen.

Insgesamt eine sympathische, nützliche Reflexion zur deutschen Selbstverständigung, bei der sich der Leser freilich fragen mag, ob es dazu eines so ambitionierten Vorhabens wie der vom Verfasser konzipierten "Geopsychologie" bedarf.

Rolf Breitenstein:

Die gekränkte Nation

Geschichte und Zukunft der Deutschen