Ich komme gerade aus Dresden zurück. Dresden ist eine Stadt, die alle Gründe hätte, sich zu beklagen. Glänzende Hauptstadt Sachsens, von Herder als "Florenz des Nordens" bezeichnet, in einer romantischen Landschaft erster Klasse gelegen, wurde sie drei Monate vor der Kapitulation Hitlerdeutschlands dem gnadenlosesten konventionellen Bombardement des ganzen Weltkriegs unterzogen. Ausradiert, und das ohne zwingende Gründe: Man wußte bereits, daß die Russen bald dasein würden, und das "Dritte Reich" lag schon am Boden. Das geben inzwischen auch die Anglo-Amerikaner zu, die nicht aufhören, Gewissensbisse und Solidarität zu bekunden.

Aber die Stadt hat, ohne zu vergessen, ihre Trauer ohne Gejammer, ohne Opfergetue und, man möchte fast sagen: ohne Groll getragen. Die Dresdner gehen davon aus, daß man die Geschichte kennt, und zeigen dem Besucher stolz die wiederaufgebauten Paläste, die Türme, die Kirchen, die unglaubliche Pinakothek, sie sagen ihm, wieweit im Jahr 2006, zur Achthundertjahrfeier der Stadt, alles wieder hergerichtet sein wird, sogar die scheußlichen Bauten, die nach dem Krieg rasch hochgezogen worden sind, werden ersetzt sein, und die Barockfassaden, die Bellotto so genau auf seinen Bildern festgehalten hat, werden restauriert sein (Bellotto hatte kein so feines Gespür für die Ungreifbarkeit der Atmosphäre wie sein Onkel Canaletto, aber er war von einem glasklaren Realismus, der auch die Altstadt von Warschau wiederaufzubauen erlaubt hat).

Die Dresdner fragen einen gar nicht, ob einem die Stadt gefällt. Sie sagen es einem. Das bringt mich auf den Gedanken, daß man die Städte gewöhnlich in zwei Kategorien einteilen kann: in die selbstsicheren und die anderen. Ich werde hier nur einige der selbstsicheren beim Namen nennen, möchte jedoch betonen, daß unter den anderen auch Hauptstädte sind.

In den selbstsicheren Städten kommt es den Leuten gar nicht in den Sinn, den Besucher zu fragen, wie er ihre Stadt findet. Einige verkaufen schamlos ihren Mythos ("Paris, la ville lumi&egravere" - "Quanto sei bella Roma" - "New York, New York"), aber sie verlangen keine Konsensbekundungen. Sie setzen stillschweigend voraus, daß man überwältigt ist, und wenn nicht, hat man eben Pech gehabt. Andere, zum Beispiel London, Mailand oder Amsterdam, legen einem zwar den Prospekt oder den Führer mit den Sehenswürdigkeiten ins Hotelzimmer, reden aber nicht viel von sich und sind jedenfalls nicht an den Meinungen ihrer Besucher interessiert. Eine Kategorie für sich sind die Bewohner von Buenos Aires: Spät in der Nacht befragen sie sich nach der argentinischen Identität, aber das ist ein nationales Spiel; daß "Buenos Aires querido" zum Verlieben ist, haben sie nie in Zweifel gezogen.

In Italien bezeichnet sich eine Stadt, wenn es ihr an Selbstvertrauen gebricht, bei öffentlichen Gelegenheiten als "nobilissima cittˆ", also eine Stadt von ältestem - sprich antikem Adel. Es liegt auf der Hand, daß alle italienischen Städte, so wenige Jahrhunderte sie auch erst alt sein mögen (außer den erst vor ein paar Jahrzehnten erbauten), antiken Ursprungs sind, aber die komplexbeladenen haben das Bedürfnis, es ausdrücklich zu sagen. Im allgemeinen jedoch - und dies gilt überall in der Welt - erkennt man mangelndes Selbstvertrauen daran, daß einem sofort bei der Ankunft die Frage gestellt wird: "Was denken Sie über unsere Stadt?"

Mir ist es passiert, daß ich bei der Ankunft in höchst komplexbeladenen Städten auf dem Flugplatz von Journalisten umringt wurde, und die erste Frage war: "Kommen Sie zum erstenmal her? Was denken Sie über unsere Stadt?" Wenn ich dann zu bedenken gab, daß ich noch gar nichts über sie denken könnte, weil ich sie noch nicht gesehen hätte, insistierten sie: "Ja, aber was haben Sie zu finden erwartet, welches Bild hatten Sie von ihr?" Sie wissen genau, daß man, wenn man kein Provokateur ist, eine höfliche Antwort geben wird. Am besten, man sagt, man habe schon viel über diese faszinierende und (wenn man ehrlich ist) kontrastreiche Stadt gehört. Dann geben sie erst einmal Ruhe, aber so lange man da ist, fragen sie immer wieder danach.