Joël Robuchon schaltet den Herd aus. Der beste Koch Frankreichs, erst 51 Jahre alt, hat genug. Ausgerechnet der "Küchenchef des Jahrhunderts", der "Husar der Nouvelle cuisine" mag nicht mehr morgens um sieben Uhr aufstehen und erst nachts um zwei ins Bett sinken. Seit einem Jahr brodelt es in der Gerüchteküche, nun ist es nicht mehr unter dem Deckel zu halten: Vom kommenden Montag an will Robuchon in der Avenue Raymond Poincaré 59 seine Pforte nicht mehr öffnen. Was wird aus seinem gastronomischen Tempel, in dem 47 Köche, Sommeliers, Konditoren, Kellner und Tellerwäscher für 45 Gäste ihr Bestes gaben?

Paris ist aufgewühlt. Selbst an schlichten Bistrotresen reden sich Leute den Mund fusselig, die nie im Leben einen Kaviargelee an Blumenkohlsoße zu 410 Francs (125 Mark), eine Trüffeltorte mit Zwiebeln und Räucherschinken zu 590 Francs (180 Mark) oder gegrillte Gänseleber mit würzigen Linsen zu 325 Francs (99 Mark) genossen haben.

"Robuchon . . . und dann?" fragt Le Monde. "Wird Paris nun zur kulinarischen Terra incognita?" Bloß noch vier Dreisternehäuser laut Guide Michelin und kein Lokal mehr, dem der Gault-Millau 19 von 20 Punkten zubilligen würde. All die Sterne, all die Toques, all die Punkte, wandern in die Provinz ab oder, schlimmer noch, ins Ausland.

Künftig wird der Eidgenosse Fredy Girardet in Crissier bei Lausanne als bester Koch auf dem Globus in den Töpfen rühren. Eine Schande für Frankreich!

Da tröstet es wenig, daß Spitzenkoch Alain Ducasse das Lokal Robuchons übernehmen soll. Denn der wird nur zeitweise zugegen sein können, führt er doch schon ein Dreisterne-Etablissement in Monaco und eine rustikale Speisestätte in den provenzalischen Bergen.

Joël Robuchon! Man ahnt ja gar nicht, welch Savoir-faire sich hinter seinem legendären Kartoffelpüree verbarg. Gewiß, bei ihm sah alles unspektakulär aus - aber die Gäste schwärmten vom Geschmack.

Er galt als der "Prophet der Küche des Unsichtbaren" und war sich nicht zu schade, einen seiner Bestseller allein der Kartoffel zu widmen.

Doch in den vergangenen Jahren ist dem Meister bange geworden.

Der frühe Tod großer Kollegen wie Alain Chapel oder Jean Troisgros hat ihm zu denken gegeben. Nun will er mit Girardet eine Kochschule gründen, sich der Lebensmittelforschung widmen - oder "einfach mal zu Hause drei, vier Freunde einladen, wunderbar kochen und hernach Momente der reinsten Glückseligkeit genießen".

Robuchons Abgang kommt nach Meinung vieler Franzosen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. In Saint-Etienne machte unlängst der hochgelobte Pierre Gagnaire mangels Kundschaft Pleite und bezichtigte die Stadt unterlassener Hilfeleistung, woraufhin der Bürgermeister erklärte: "Wir subventionieren keine Mahlzeiten zu 1500 Francs."

Kurz davor war in Colmar der Meisterkoch Jean Schillinger in seinem brennenden Lokal umgekommen böse Zungen munkeln, auch ihm habe der Bankrott gedroht.

Andere Spitzenköche haben entdeckt, daß sie außerhalb der Küche mehr Geld verdienen können: mit der Produktion von Rezept-CD-ROMs, mit der Ausbildung japanischer Kollegen, mit Fernsehwerbung.

Und dann hat der Gault-Millau-Führer derart radikal die Bewertung verschärft, daß Kritiker der Kritiker schon von "ethnisch-kulinarischen Säuberungen" reden. Der dank geschickter Selbstinszenierung weltbekannteste Koch Paul Bocuse wurde auf 17 von 20 Punkten zurückgestuft, das Pariser Edellokal La Tour d'argent auf 16, derweil Maxim's gar nur noch unter "ferner liefen" geführt wird. "Unsere Noten sind nicht Medaillen der Ehrenlegion, die auf ewig verliehen werden", rechtfertigt sich die neue Gault-Millau-Chefin Monique Pivot.

Reichlich Gesprächsstoff also. Den Frankreich auch braucht. Entspricht es doch der Gepflogenheit, nicht nur lustvoll zu essen und zu trinken, sondern auch darüber zu reden, zu streiten und zu schreiben.

Es sei denn, man hält es mit den Guignols, den traditionellen Lyoner Kasperles, die zur Ruhe mahnen: "Ruhe, Ruhe, man hört sich ja nicht mehr essen!"