Am Samstag, dem 22. Juni, explodierte eine Autobombe in Blida, einer Garnisonsstadt etwa fünfzig Kilometer südlich von Algier.

Vier Tote und rund zwanzig Verletzte. Die Nachricht lief über Agence France-Presse und Reuter, hatte in der Tageszeitung Le Monde Anrecht auf gerade einmal vier Zeilen und wurde in den französischen Fernsehnachrichten nicht einmal erwähnt. Die gesamte französische Presse berichtete zuletzt über Algerien am 22. Mai, nachdem sieben französischen Mönchen von ihren Entführern die Kehle durchgeschnitten worden war. Der bewaffnete Arm der ehemaligen islamischen Heilsfront, die Groupe Islamique Armée (GIA), die sich zu diesem Akt der Barbarei bekannte, mag keine Gleichgültigkeit und will nicht in Vergessenheit geraten. Denn der unversöhnliche Krieg zwischen der algerischen Staatsführung und der islamistischen Opposition geht weiter, Tag für Tag. Die internationale Presse berichtet nur nicht kontinuierlich darüber. Eine Art Überdruß hat sich eingestellt angesichts eines Konfliktes, dessen Ende nicht abzusehen ist und der keinen Schimmer Hoffnung auf eine Lösung läßt. Die algerische Presse hingegen wird streng überwacht und kann nicht veröffentlichen, was sie will. Die Militärzensur wacht darüber ebenso wie die Islamisten, denen Journalisten ein Greuel sind, besonders jene, die objektiv und unabhängig berichten.

Die letzte große Terroraktion der GIA, die Entführung und anschließende Hinrichtung der französischen Mönche, gehorcht offenbar einer Logik der Verzweiflung: Man wählt Unschuldige aus, besonders angesehene Menschen zudem, und massakriert sie. So zeigt man seine Entschlossenheit, Algerien in noch größere Bedrängnis zu bringen. Die Regierung gerät so in eine Position der Schwäche: Zum einen wird klar, daß sie nicht das ganze Land kontrolliert zum anderen findet der Krieg kein Ende.

Die Regierung dagegen kalkuliert anders: Mit Leuten, die Unschuldigen die Kehle durchschneiden, will man nicht diskutieren. Folglich seien Repression, Zensur und Tod der Mörder zu rechtfertigen.

Die Chefredakteurin der in Algier erscheinenden Wochenzeitung La Nation, Salima Ghezali, berichtet, daß aus dem Mund algerischer Politiker ein Leitmotiv immer wieder zu hören ist: "Terrorismus läßt sich nicht mit Glacéhandschuhen und der Erklärung der Menschenrechte in der Hand bekämpfen!" Darum kann Algerien heute nicht behaupten, Teil der demokratischen Welt zu sein.

Der Krieg brach jedenfalls aus, weil der demokratische Prozeß 1991 abgebrochen wurde, als die Islamisten bei Parlaments- und Kommunalwahlen siegten. Damit fing alles an: Ein Mehrheit wurde um ihren Sieg gebracht. Doch Demokratie beschränkt sich nicht auf Wahlen. Die Demokratie ist eine Kultur sie muß erlernt werden, und das braucht Zeit und Stabilität.

Heute, fünf Jahre später, ist die GIA womöglich dabei, den Krieg zu verlieren. Vielleicht erlangt Präsident Liamine Zeroual, seit er durch die Wahlen vom 16. November 1995 legitimiert wurde, nun eine andere Legitimität: wenn es ihm gelingt, die bewaffnete Opposition zu marginalisieren und die Wirtschaft des Landes wiederaufzubauen.

Glaubt man der in London erscheinenden arabischen Wochenzeitung Al Wasat, so soll die GIA "dahinsiechen". Die Zeitung gibt Erklärungen von Mitgliedern der ägyptischen Fundamentalistengruppe Gamaa al-islami, der libyschen islamischen Kampfgruppe und des palästinensischen Scheichs Abu Katada wieder: Die GIA und ihr Führer Djamel Zitouni seien zu weit gegangen. Es sei nicht länger möglich, sie zu unterstützen.

Schon mehrmals war Djamel Zitouni zur Ordnung gerufen worden.

Um zu begreifen, warum dieser Krieg noch immer nicht zu Ende geht, muß man in der Geschichte Algeriens weit zurückgehen. Im Gegensatz zu den anderen maghrebinischen Ländern - Marokko und Tunesien waren nur französische Protektorate - wurde Algerien unerbittlich kolonisiert. 130 Jahre französischer Präsenz auf algerischem Boden führten zur Auslöschung der algerischen Identität, einer arabischen und kabylischen Identität mit muslimischer Kultur. Acht Jahre Befreiungskrieg und dreißig Jahre Herrschaft der Einheitspartei FLN brachten das wenige, was von dieser Identität geblieben war, aus dem Gleichgewicht. Der Mangel an Freiheit und Demokratie unter der Herrschaft der FLN öffneten Korruption und Kleinschmuggel Tür und Tor. Jede Emanzipation wurde durch die allgegenwärtige staatliche Zensur systematisch bekämpft. Doch dann, Ende der achtziger Jahre, öffnete sich plötzlich der Himmel Fernsehbilder aus der ganzen Welt waren zu sehen. Parabolantennen wurden zum Hauptmedium der Kultur. Doch welcher Kultur? Nicht einer ursprünglichen, algerischen Kultur, sondern der westlichen, die für ihre Permissivität bekannt ist. Das sollte eine wichtige Rolle spielen bei der Ablehnung von allem, was aus dem Westen kommt.

Das algerische Volk hängt nicht mehr am Islam als das marokkanische oder das ägyptische. Der Islam gilt ihm gleichermaßen als Religion und als Kultur. In der Kolonialzeit definierten sich die Maghrebiner gern als Muslime und nannten die Ausländer Christen. Damals diente der Islam als eine Art Kitt, der das Volk gegen einen Besatzer zusammenhielt, der mit Armee und Kirche in das Land eingefallen war. Die kulturelle Enteignung war so weitreichend, daß der Islam für das Volk mehr wurde als Kitt: ein Merkmal, das es dem Westen entfremdet, so daß der Westen ihm heute auf den Fernsehschirmen erscheint wie "ein Vater, der seine Kinder nicht ordentlich erzieht".

Seit der Unabhängigkeit versuchten die Präsidenten Ben Bella und Boumedienne, Algerien in der arabischen Welt zu verankern. Das Unterrichtswesen wurde arabisiert - unter Mißachtung der Berbersprache, die immerhin die Hälfte des algerischen Volkes spricht. Eine Generation später steht Algerien vor einer vielköpfigen arabisierten Jugend ohne Arbeit. Währenddessen haben die französischsprechenden Algerier die wichtigen Posten inne und stellen die im Ausland anerkannte intellektuelle Elite des Landes. Es ist kein Zufall, daß der erste von den Islamisten ermordete Intellektuelle der frankophone Dichter, Romancier und Journalist Tahar Djaout war. Ihm folgten etwa fünfzig Intellektuelle, in der Mehrzahl Journalisten, die alle eine französische Bildung genossen hatten und deshalb ermordet wurden.

Der Konflikt zwischen französisch- und arabischsprachigen Algeriern ist von Beobachtern nicht hinreichend betont worden. In diesem Krieg geht es gewiß um die Macht, aber auch um die Kultur. Die Ideologie der Islamisten ist ziemlich klar: eine Rückkehr zu den religiösen Gesetzen und der Bruch mit dem Westen, dessen Werte eher das Individuum als die Gemeinschaft feiern und eine Befreiung der Sitten sowie die Zerstörung der Familie begünstigen. Der Islam ist eine Religion, die zusammenhält. Das Individuum hat keinen Wert. Allein die "Umma", die Gemeinschaft der Gläubigen, zählt.

Sobald man sie verläßt, ist man ein Verräter, verdammt zur Einsamkeit.

Angesichts dieser Ideen stehen die Demokraten nicht nur Algeriens, sondern der arabischen Länder insgesamt, auf ziemlich verlorenem Posten. Für sie bedeutet Moderne das Aufblühen des Individuums, die Achtung seiner Rechte und Überzeugungen, seines religiösen Glaubens oder Nichtglaubens und die Achtung der Rechte der Frau.

Heute geht es in den Staaten, in denen der Islamismus als "der einzige Weg zur Authentizität" gilt, um die Zukunft von Völkern, die lange Zeit einer autoritären Macht unterworfen waren. Es zeichnet sich eine Wahl ab zwischen der Demokratie mit ihren universellen Werten und dem Islamismus, einer Art Totalitarismus religiöser Prägung. Anders gesagt, stehen diese Völker vor der Wahl zwischen der Moderne - nicht allein jenen fortschrittlichen Techniken, denn die nutzen auch die Islamisten bei ihrer Kommunikation und Propaganda, kommunizieren sie doch auf englisch im Internet und gebrauchen Handy und Fax - und einer Isolation, die Fanatismus und Obskurantismus einschließt.

Früher wurde dieses Dilemma "der Zusammenprall der Kulturen" genannt oder einfach nur: die Beziehung zwischen Orient und Okzident.

So einfach ist es nicht. Unversöhnlich stehen sich zwei Vorstellungen vom Leben, zwei Existenzphilosophien gegenüber. Im Zentrum dieses Gegensatzes stehen die Frauen. Sie kämpfen mit allergrößtem Mut und viel Phantasie gegen alle Pläne zu einer obskurantistischen Gesellschaft. Das ist nur normal, denn sie kämpfen um ihr Sein, sie verteidigen ihre Haut. Die Feinde der Freiheit zögerten nicht, Frauen und sogar kleine Mädchen zu töten.

Wenn es Algerien eines Tages gelingt, an die demokratische Moderne anzuknüpfen, wenn es ihm gelingt, sich mit sich selbst zu versöhnen, indem es seine innerste Identität zurückgewinnt, so geschieht dies nicht mittels der Armee, welche die gleiche Gewalt und die gleichen Methoden anwendet wie ihre Widersacher. Es geschieht nicht dank der autoritären Politik der Regierung, sondern dank der Frauen, die tagtäglich kämpfen, um dieses Land zu retten, die alles tun, damit es voranschreitet im Lauf der Geschichte - der Geschichte des Fortschritts und des Humanismus, die nicht im Widerspruch steht zum Geist des Islam und der arabisch-berberischen Zivilisation.

Das gleiche gilt für die Geschicke der beiden anderen Länder des Maghreb. Tunesien hat die islamistischen Organisationen unschädlich gemacht und sie konsequent unterdrückt es verfügt über das liberalste Familienrecht der arabischen Welt.

In Marokko agieren die islamistischen Bewegungen im sozialen und universitären Bereich. Keine erhielt die Erlaubnis, sich als politische Partei zu konstituieren. Mitglieder der von Abdelilah Benkirane geleiteten Gruppe Al Islah wa Attajdid haben sich jedoch in Scharen einer Partei angeschlossen, die den Namen "Demokratische und Konstitutionelle Volksbewegung" trägt und von Abdelkrim Al Khatib geführt wird. Die Partei war in Vergessenheit geraten und praktisch nicht mehr aktiv. Dieser Aktivist, der "das islamische Gesetz zur Grundlage jeder Gesetzgebung" machen will, bediente sich einer solchen List, um Politik zu machen und sich auf die für den Herbst dieses Jahres vorgesehenen Parlaments- und Kommunalwahlen vorzubereiten.

Eine andere Gruppe, Al Adl wa Al Ihsan, wird von Abdesslam Yassine geführt, der lange Zeit unter Hausarrest lebte. Die Gruppe arbeitet auf dem Campus der Universitäten. Am 13. März 1996 hinderte sie Studenten der - laizistischen - sozialistischen Strömung gewaltsam, an der Universität Hassan II. in Casablanca Versammlungen abzuhalten.

Doch die Tatsache, daß Marokko mit der muslimischen Tradition niemals gebrochen hat und Hassan II. als "Commandeur des croyants", als Herr der Gläubigen, gilt, macht das Wirken der Islamisten schwieriger. Alle Gruppen islamistischer Prägung haben sich gegen eine Gewalt gewandt, wie sie in Algerien wütet. Bekanntermaßen hängt in diesem Bereich viel ab von der wirtschaftlichen Lage und den Perspektiven der Jugend. Wahrscheinlich sind die großen Säuberungen in diesem Zusammenhang zu sehen, die von den marokkanischen Behörden eingeleitet wurden. Indem Marokko gegen Schmuggel und Drogenhandel angeht, versucht es wahrscheinlich auch, die Korruption zu bekämpfen. Wie allgemein bekannt, hat diese viele junge Algerier erst dazu gebracht, auf seiten der Islamischen Heilsfront FIS gegen die Militärmacht zu kämpfen.

Aus dem Französischen von Verena Vannahme

Tahar Ben Jelloun, 1944

im marokkanischen Fes geboren, lebt seit 1971 in Paris. Der promovierte Psychiater erhielt 1987

den bedeutendsten französischen Literaturpreis,

den Prix Goncour