"Kulturwissenschaft" - beliebter Titel für beliebige Inhalte?

Als Ali Baba vor dem Felsen stand, da murmelte er ein Wort, und der Berg öffnete sich und verhalf ihm zu unverhofften Reichtümern. Wollte er damit in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts Erfolg haben und er selbst geschundener Professor eines literaturwissenschaftlichen Fachs sein, so dürfte jenes Wort, das Ali Baba glücklich und die überlistete Bande, respektive neuzeitliche Kultusministerien, ärmer macht, nicht "Sesam" heißen, sondern "Kultur".

Das nämlich ist, wie der Bielefelder Literaturwissenschaftler Karl-Heinz Bohrer bemerkte, ein "Zauberwort". "Kultur" sei im Grunde alles, von Tischtennis spielenden Jugendlichen in Freizeitheimen bis zur Bierwerbung. Gleichwohl, das Wort Kultur habe einen wunderlichen Klang, es öffne die Säckel der Verantwortlichen für Bildung und Unterhaltung, die, als "Kultusminister" etikettiert, zwar einen weiterhin hohen Bedarf an Philologen anzweifelten, jenen an Kulturwissenschaftlern hingegen nicht.

Kultur! Jenes Wort, das ursprünglich Landbau, die Pflege des Körpers und des Geistes hieß, hat, so scheint es, ein besonders enges Verhältnis zu Jahrhundertwenden. Schon um das Jahr 1900 führten Philosophen kulturwissenschaftliche Debatten, später systematisiert in Georg Simmels kulturkritischer Soziologie, Ernst Cassirers "Theorie der symbolischen Formen", den Theorien der osteuropäischen Formalisten und Strukturalisten. Und auch der Schritt ins nächste Jahrtausend beflügelt die Hoffnung, die Vielzahl geistiger Disziplinen erneut zu bündeln. In zahlreichen Magisterstudiengängen studieren mittlerweile viele tausend Studenten "Kulturwissenschaft". Einschlägige Angebote gibt es an der Humboldt-Universität Berlin, der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, den Universitäten Bremen und Leipzig. "Angewandte Kulturwissenschaft" studiert man an den Universitäten Lüneburg und Karlsruhe, "Empirische Kulturwissenschaft" an der Universität Tübingen, "Kulturpädagogik" an der Universität Hildesheim, "Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie" in Frankfurt am Main, dazu kommen zahlreiche Aufbau-, Ergänzungs-, Kontaktund Zusatzstudienangebote im Bereich allgemeines und kommunales Kulturmanagement, Kulturarbeit und ähnliches an mehr als zehn deutschen Universitäten. Nach amerikanischem und französischem Vorbild, den Cultural Studies und den Sciences de l'Homme, werden aus Geisteswissenschaften Kulturwissenschaften. Im Jahr 1991 forderte der Germanist und Vorsitzende der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Wolfgang Frühwald, die Vertreter geisteswissenschaftlicher Fächer zum Schulterschluß bei der Analyse der "kulturellen Form der Welt" auf, das heißt aller "Lebens- und Arbeitsformen des Menschen".

Gründe für eine solche kulturwissenschaftliche Ausrichtung gibt es genug. So leidet fast jede vormals geisteswissenschaftliche Disziplin unter dem Schock der audiovisuellen Medien. Der Wettkampf mit neuen Medienhochschulen um das Geld der Kultusministerien zwingt die klassischen Ressorts der Literatur- und Textwissenschaften zu einer klaren Formulierung ihrer Aufgabe und ihrer Identität. Doch die Verschlechterung der Anstellungschancen für Lehrer seit Ende der siebziger Jahre, die wachsende Zahl an Medienberufen, die angeblich schwindende Bedeutung von Texten gegenüber Bildern in der heutigen Gesellschaft machen die Suche nach der neuen Rolle schwierig.

Ein weiterer Grund ist die Expansion des deutschen Hochschulwesens in den siebziger Jahren. Je stärker sich die universitären Disziplinen in verschiedene Fachbereiche untergliederten, um so mehr verschwamm das aus dem 19. Jahrhundert übernommene universalistische Bildungskonzept. Doch wo Begriffe wie "Bildung" und "Geist", hundertmal gewendet, farblos erscheinen bis zur Unkenntlichkeit, dort leuchtet, in neuer Jungfräulichkeit, der Begriff "Kultur".

In solcher Lage machen sich vor allem die von Etat- und Lehrstuhlkürzungen bedrohten Literaturwissenschaften Gedanken, das schwammige Feld der Kultur zu bestellen. Für Literaturwissenschaftler nämlich ist nahezu alles, was mit Kultur zu tun hat, "Text". Kulturwissenschaftlich inspirierte "Text-Kontext"-Debatten prägen das Bild. "Textflucht" nennt die österreichische Germanistin Frederike Hassauer das mangelnde Interesse früherer Kollegen an der "Medialität", "Materialität" und "Textualität" der Texte. Statt weiterhin Texte zu interpretieren, bedürfe es vielmehr der Diskussion, was Zeiten und Kulturen denn überhaupt unter einem Text verstanden.

"Kulturwissenschaft" - beliebter Titel für beliebige Inhalte?

Hassauers Abrechnung mit der geistesgeschichtlichen Tradition der Hermeneutik liegt im Trend der Zeit. Seit zwei Jahrzehnten schon arbeitet eine ganze Generation von Literaturwissenschaftlern daran, den Verstehensbegriff des 19. Jahrhunderts mit seiner unhistorischen Vorstellung von Sinn zu kritisieren. Aber gibt es eine andere, moderne Vorstellung von Kultur und Bedeutung? Der Berliner Linguist Roland Posner bastelt an einer neuen "Kultursemiotik". Für ihn sind gleich alle Produkte des menschlichen Geistes, die eine kulturelle Funktion besitzen, Texte. Nicht nur Geschriebenes oder Gedachtes, auch Handwerkszeuge wie Äxte oder Messer fallen unter seine Textdefinition.

Aber ist die Grundlage der Kultur wirklich der Text? Für die Philosophie zum Beispiel ist Kultur Konstruktion von Wirklichkeit. Für sie sind Begriffe wie Wahrheit und Fiktion kulturelle Symbole. Doch ist Kultur nicht auch kommunikatives Handeln, Interaktion und damit in erster Linie Gegenstand der Soziologie? Was waren Gehlen, Horkheimer und Adorno anderes als Kulturwissenschaftler? Was ist mit Niklas Luhmann? Wenn der Bielefelder Soziologe das Wort Kultur hört, zückt er den Füllfederhalter: "Einer der schlimmsten Begriffe, die je gebildet worden sind."

Die Entfesselung nach den Lähmungen des Methodenstreits der siebziger und achtziger Jahre öffnet der fröhlichen Wissenschaft von der Kultur ein schier unbegrenztes Feld; ein Pluralismus, mit starkem Hang zur Beliebigkeit. Fast formelhaft erscheinen die Bekenntnisse zu Konsens und Verständigung, paradiesische Vorstellungen, von denen die Denker postmoderner Wissenschaften mit dem gleichen achselzuckenden Lächeln sprechen wie aufgeklärte Katholiken von Adam und Eva im Garten Eden.

So gibt es in der Kulturwissenschaft auch keine Kontroversen und keine "Streitkultur"; vielmehr zahlreiche Parallelaktionen, die allein durch die Manschette des Begriffs Kultur zusammengehalten werden. Längst schon gelten auch für die Geisteswissenschaften die Gesetze der modernen Kunst, der ungebändigte Zwang zur Innovation und die Tendenz zur Selbstbezüglichkeit. Technisch war Geisteswissenschaft immer selbstbezüglich, indem sie die eigenen Spielregeln der Wahrheitsfindung, der Methoden und Begründungen zitierte; heute jedoch rückt das Nachdenken über das Spielen mit den Spielregeln zunehmend ins Zentrum. Für Insider mag das furchtbar spannend sein, die draußen vor der Tür warten und auf Ergebnisse hoffen, läßt solcherart esoterische Spielerei jedoch unbefriedigt.

In der Geschichte der Menschheit und ihrer Wissensdisziplinen, so sah es der promovierte Philosoph, Schriftsteller und Ingenieur Robert Musil, gibt es kein freiwilliges Zurück und wohl auch kein freiwilliges Zusammen. Macht nicht das ungeheure Anwachsen der Wissensbestände in den Einzelwissenschaften "Transdisziplinarität" zur Chimäre? Sagen Kulturwissenschaftler nicht einfach weniger über mehr?

Die Unverständlichkeit einiger neuer Texte jedenfalls scheint solche Skepsis zu bestätigen. Seit zehn Jahren arbeitet der französische Kultursemiologe Louis Bec an einer Theorie der Zoosystemik, der "Wissenschaft des Lebendigen und der Bildenden Künste". Bec simuliert nicht nur mit dem Computer neue organische Formen; er erfindet auch im Wissen um die universelle Unverständlichkeit allen Verstehens ein ganzes Glossar neuer Begriffe: die Ambulobiomologie, den Aporianismus, den Appalotriosismus und die Hygrozoosemiotik. Wem das nicht reichen sollte, für den gibt es Exkurse in die Prodotik, die Taxongraphie, die Hypochetotaxie, die Upokrinomenologie und so weiter. (Versuchen Sie nicht, diese Worte im Fremdwörterlexikon zu suchen, Sie werden sie nicht finden - freilich: Im Oberseminar klingen sie gut!)

Wesentlich spannender hingegen ist der Arbeitskreis "Archäologie der literarischen Kommunikation", eine interdisziplinäre Forschergemeinschaft um die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann und den Ägyptologen Jan Assmann. Ihr gemeinsames Interesse gilt der Literatur als "schriftlicher Überlieferung" von Kultur. Seit Anfang der achtziger Jahre publiziert der Kreis Sammelbände wie "Schrift und Gedächtnis", "Weisheit" und demnächst, als neues Thema, "Einsamkeit". Bei allen Debatten gilt das Prinzip, die Einzelwissenschaften weiterhin als Autoritäten zu betrachten und gleichzeitig auf "gemeinsamen Fragen und einer gemeinsamen Sprache" zu bestehen.

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Für den Kölner Germanisten Günter Blamberger liegt die Zukunft der Forschung in solchen Brain-Trusts. Die "Faszination der Kulturwissenschaften für die Zukunft" könne vor allem von Expertengruppen und Instituten gezeigt werden. Eine grundlegende Umwandlung der Studiengänge in Kulturwissenschaften hingegen mache wenig Sinn. Denn welche Berufsperspektive hat ein Student der Kulturwissenschaft, der nun nicht mehr Deutsch- oder Französischlehrer werden kann? Die bekannteste Antwort auf diese Frage gab, schon in den achtziger Jahren, der Gießener Philosoph Odo Marquard. Das Kapital der Geisteswissenschaftler sei ihre "Inkompetenzkompensationskompetenz". Als Freigeister zwischen den Teilbereichen der Gesellschaft avancierten sie zu Konsensarrangeuren, gebildeten Pfadfindern im Dickicht der Sachzwänge und Interessen. Doch muß solche lebenspragmatische Kompensation und Orientierungshilfe den zukünftigen Kulturwissenschaftler nicht überfordern? Einigen Theoretikern genügt bereits die Archivierung der Kulturgeschichte, das Verwandeln des Lebens in Schrift; die Arbeit als Bildhauer am Fries der Geschichte wie als Verwalter des kulturellen Gedächtnisses der Gattung Homo sapiens. Wiederum andere, wie Peter Sloterdijk, betrachten die wissenschaftliche und philosophische Neugier selbst als ein ästhetisches Ereignis: die Kunst des zweckfreien Nachdenkens, jenes Privileg, das der Mensch den Tieren voraushabe und das ihn somit überhaupt erst zum Menschen mache.

Doch zweckfreie Legitimation - in Zeiten der Rezession bedeutet das: in Schönheit zu sterben. Noch macht, nach dem Scheitern der linken Utopien, das Interesse an der gesellschaftlichen Realität einen Mann der universitären Geisteskultur verdächtig. Doch nur wenn es gelingt, der kulturellen Belanglosigkeit der Kulturwissenschaft entgegenzuwirken, läßt sich ihre Zukunft dauerhaft sichern. Das neue alte Ziel bleibt die Einflußnahme auf Verbände und Vereine, Irrtümer eingeschlossen; der Schritt heran an die Öffentlichkeit und ihre Themen, um tatsächlich ihrer Braut, der Kultur, den Leuchter voran- und nicht die Schleppe hinterherzutragen. Wer wird dann noch fragen, ob das Fach wirklich eine alles fundierende Theorie besitzt?

Wo sind die führenden Kulturwissenschaftler, die sich zu Wort meldeten, um via Feuilleton oder öffentlichkeitswirksame Rede über das Vergessen des Erinnerns im Gedenken zu sprechen, dem Unterschied zwischen einem Tod in Auschwitz und in Stein nachsinnen und diese Arbeit nicht allein den philosophierenden Amateuren der Politik überlassen? Nur dann nämlich werden die Kulturwissenschaften - auch und nicht zuletzt durch ihren Verzicht auf die Sprachakrobatik des Wissenschaftsbetriebs, in dem Prestige nur über Unterscheidungen, allen voran begriffliche Unterscheidungen zu haben ist - das sein, als was allein sie sich zu legitimieren vermögen: eine Wissenschaft von der Kultur für die Kultur.