Ein schöner Nachmittag im Juni. Ich führe meinen Hund durch den Park. Auf der großen Wiese vor dem Schloß lagern Gruppen von jungen Leuten im Gras, von ihren Hunden umspielt. Ein schönes, heiteres Bild, ein Hauch von Woodstock in unserer kleinen Provinzstadt.

"Bei Adolf gab es das nicht! Da hatten wir den Arbeitsdienst!" sagt ein alter Mann, der mit einem krummbeinigen Dackel neben mir hergeht. Ich zucke zusammen. Ja, es ist schon ein ziemlich braunes Nest, in dem ich hier lebe. Ich weiche aus auf den Rasen, und je näher ich dem malerischen Völkchen komme, desto mehr wandelt sich das heitere Bild: Ich sehe zerstörte, vorzeitig gealterte, vom Alkohol- und Drogenrausch stumpfe Gesichter. Eine schaurige Karikatur der Blumenkinder, denen sie von weitem ähnlich sehen. Die Bärte und langen Haare sind nicht mehr die Insignien des Aufbruchs, sondern des Elends. Nett sind sie zu mir, rührend nett, als ich sie anspreche; wenn auch etwas lallend, antworten sie unbefangen und humorvoll - so unterscheiden sie sich wohltuend von ihren Mitbürgern, die auf den Wegen um sie herumgehen.

Mein Hund wird von ihrer Meute überfallen, sie wollen dem wehren und erheben sich taumelnd aus dem Gras, sie wollen eingreifen und können doch kaum laufen. Ein grotesker Tanz, einige fallen hin - ein trauriger Abglanz von "Blow up" - falls man sich an diesen Film erinnert, in dem ungebundene, närrische Horden wie Elfen über englischen Rasen schwebten. Diese Narren hier sind schwerfällige Trolle, zwanzigjährige Greise - Gespenster.

Ach, Adolf! Nein, wir wollen dich nicht würdigen, auch nicht für den Arbeitsdienst. Aber wir wollen dich auch nicht in der Weise ehren, daß wir um deines Andenkens willen das unterlassen, was jetzt zu tun ist: Arbeit zu organisieren. Man kann von jungen Menschen, die man mit 400 Mark im Monat plus Miete abspeist und im übrigen vergißt, nichts anderes erwarten, als daß sie sich im Rausch verlieren, die Tage in abgedunkelten Spielhallen verdämmern und das Beste in sich - eventuell noch vorhandene Energie - in Kriminalität umsetzen. Wenn es auch politisch korrekt erscheint, ihnen nicht autoritär zu begegnen, sondern sie in Ruhe zu lassen und ihnen die Chance der Selbstorganisation und Selbstverwirklichung zu geben, so handelt es sich doch um eine grausame Verkennung menschlicher Normalität und Schwäche.

Deutsche Jugend im Elend - es ist nicht nationalsozialistisch, die Sache so anzusehen und die Ärmel aufzukrempeln. Es ist inhuman, die Augen vor dem Problem zu verschließen und die groteske Diskrepanz zwischen dem haarsträubenden Wohlstand auf der einen Seite - und es ist die Seite der Alten - und der ebenso haarsträubenden Verlumpung auf der anderen Seite - und es ist die Seite der Jungen hinzunehmen. Alle Stellen sind besetzt und werden verteidigt "von den Vätern gegen die Söhne" - so beschrieb Theodor Heuss 1932 den Zustand, und so ist es heute wieder.

Nein, wir wollen kein gutes Haar an Adolf lassen. Aber der Arbeitsdienst ist gar nicht sein Einfall gewesen. Hitler schmückte sich mit fremden Federn. Der Impuls für staatlich organisierte Arbeit entsprang nicht dem Nationalsozialismus. Er kam aus ganz heterogenen, mehr oder weniger jugendbewegten Kreisen der Weimarer Republik. Viele seiner Protagonisten endeten in der Emigration und im Widerstand. Er war auch keineswegs auf Deutschland beschränkt, sondern bewirkte in den USA den New Deal, eine großangelegte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, in deren Rahmen das Tennessee Valley industrialisiert wurde. Seine weitreichendsten Wirkungen hatte er in der Kibbuz-Bewegung - eine Ironie der Geschichte: Während die von scheinbar deutschem Gemeinschaftsgeist getragene Arbeitslagerbewegung hier letzten Endes Lager schuf, in denen Menschen ausgegrenzt und umgebracht wurden, trug sie in Israel die schönsten Früchte.