Im Jahre des Herrn 1196 wurde Heidelberg das erste Mal urkundlich erwähnt und darum begeht die Neckarstadt jetzt ihren 800. Geburtstag.

Doch seltsam, im dicken Programm-Katalog zum wundersamen Jubiläum taucht der Name des Liedes nicht auf, das Heidelberg in aller Welt bekannt gemacht hat, das etliche Postkarten und Kaffeetassen, das T-Shirts und Souvenirs ziert und das auch Rundfunk- und Fernsehsender gern einspielen, wenn sie über die Feier berichten: "Ich hab' mein Herz in Heidelberg verloren."

Doch, eine einzige Veranstaltung, eine kleine Ausstellung im März, stand unter dem Titel "Ich hab' mein Herz an Heidelberg verloren."

- Nein, sagt mir der freundliche Herr, der die Ausstellung zusammengestellt hatte, er sei seit 34 Jahren "fanatischer Heidelberger sozusagen", habe "unheimlich viel Literatur und tausend Postkarten" gesammelt.

Aber mit dem Lied und seinem Verfasser habe seine Ausstellung nichts zu tun. "Ich hab' mein Herz nicht in, sondern an Heidelberg verloren."

Wer aber hat das weltberühmte Lied geschrieben?

Ich wende mich vertrauensvoll an Jutta Schneider, die laut Katalog die "richtige Adresse" sei, wenn es "Fragen zum Jubiläum" gibt.

Sie weiß es nicht, meint aber, das Lied sei nicht so beliebt in der Stadt, weil die Heidelberger sich durch den Text auf die Schippe genommen fühlten. Sie verbindet weiter zum Stadtarchivar. Der weiß auch nichts, hat aber einen Spezialisten in seinem Archiv.

Und der faxt mir schließlich einen Artikel aus der ortsansässigen Rhein-Neckar-Zeitung vom 23. März 1993: "Rätsel um den Autor des Textes - Ernst Neubach oder Fritz Löhner-Beda?"

Ernst Neubach ist eine Fehlinformation, die auf einer Anekdote des Komponisten Fred Raymond beruht. Allenfalls hat Neubach mitgearbeitet.

Urheberrechtlich ist der Verfasser Fritz Löhner-Beda. Und dieser Name ist mir seit über zehn Jahren bekannt. Damals recherchierte ich über die Geschichte der I.G. Farben, deren Ludwigshafener BASF-Direktoren übrigens gern ihre Villen in Heidelberg bauten.

In Raul Hilbergs Standardwerk "Die Vernichtung der europäischen Juden" fand ich über einen Besuch von I.G.-Chefs in ihrem Buna-Werk in Auschwitz dies: "Wie sehr die SS-Mentalität selbst von I.G.

Farben-Direktoren Besitz ergriff, veranschaulicht folgende Geschichte.

Eines Tages begaben sich zwei Buna-Häftlinge, Dr. Raymond van den Straaten und Dr. Fritz Löhner-Beda, an ihre Arbeit, als eine aus I.G. Farben-Größen bestehende Besuchergruppe des Wegs kam.

Einer der Direktoren wies auf Dr. Löhner-Beda und sagte zu seinem SS-Begleiter: ,Diese Judensau könnte auch rascher arbeiten.` Darauf bemerkte ein anderer I.G.-Direktor: ,Wenn die nicht mehr arbeiten können, sollen sie in der Gaskammer verrecken.` Nachdem die Inspektion vorbei war, wurde Dr. Löhner-Beda aus dem Arbeitskommando geholt, so geschlagen und mit Füßen getreten, daß er als Sterbender zu seinem Lagerfreund zurückkam und sein Leben in der I.G.-Fabrik Auschwitz beendete." Soweit Hilbergs Text, dem die Aussagen des überlebenden Zeugen van den Straaten in Nürnberg zugrunde liegen.

Von Fritz Löhner-Beda stammen einige hundert Lieder- und Schlagertexte, darunter absolute Evergreens wie "Was machst Du mit mit dem Knie, lieber Hans". Und berühmte Libretti: Für Paul Abraham schrieb er die "Blume von Hawaii" und für Franz Lehár Operetten wie "Das Land des Lächelns".

1938, beim Anschluß Österreichs, wurde der Wiener sofort ins KZ Buchenwald verschleppt und mußte dort für den Kommandanten ein Lied schreiben: "O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, / Weil du mein Schicksal bist. Wer dich verließ, der kann ermessen, / Wie wundervoll die Freiheit ist."

Seine Freiheit hieß Auschwitz. Sein Los in der Neckarstadt, der er ihr berühmtes Lied schenkte, heißt zur Jubelfeier Vergessen, obwohl doch 1993 die Rhein-Neckar-Zeitung auch von seinem Ende berichtet hatte.

Aber die Stadt Heidelberg kann das Versäumnis wiedergutmachen.

Die I.G.-Direktoren, die in Auschwitz Fritz Löhner-Bedas Ermordung verschuldeten, sind namentlich bekannt: Dürrfeld, Ambros, ter Meer, Krauch und Bütefisch. Krauch war der engste Vertraute und Nachfolger des I.G.-Farben-Gründers Carl Bosch, der schon 1932 Bütefisch zu Hitler schickte, mit dem Ergebnis, daß 1933 die I.G.

durch einen Vertrag mit Hitlers Reich vor dem sicheren Ruin gerettet wurde. Heidelberg hat seinen Mitbürger Carl Bosch mit einer Straße geehrt. Heute, im Zeitalter der Straßenumbenennungen, wäre es nur angemessen, daraus die Löhner-Beda-Straße zu machen.